Oktober 1994 von Lukas Rüttiger
Warum des Nachts im Süßwasser tauchen, wo im Bodensee ab 20 Metern, und in der Erzgrube sogar ab 10 Metern, "Krabbennacht" ist? Das ist sicherlich die Frage, die in diesem Seminar vollkommen fehl am Platz war: Nicht die Tatsache, dass es dunkel ist, zeichnet den Nachttauchgang aus, sondern vielmehr, dass die ganze Infrastruktur nachts eine andere ist:
- Weniger Leute sind unterwegs, die als potenzielle Helfer in Frage kommen könnten.
- Boote können einen an der Oberfläche treibenden Taucher nur schwer ausmachen (sowohl Fischer, Fähren als auch Rettungswachten).
- Die Ausstiegsstelle ist schwerer zu finden, da die vertraute Uferlinie im Dunklen liegt.
- Lichtsignale, tagsüber unbedeutend, könnten nachts als Notsignal missverstanden werden.
Dies sind nur einige wenige Schwierigkeiten, mit denen im Falle eines (Un-)Falles zu rechnen ist. Was also sollte neben den selbstverständlichen Sicherheitskontrollen und Vorbereitungen zusätzlich beachtet werden:
Vor dem Tauchen:
- Rettungswege, Telefon und Rettungsnummern in Erfahrung bringen. z.B. in Überlingen: Notruf 19222, Dekokammer Ulm 0731-171 2285 oder 2286, Dekokammer Überlingen 07551-871.
- Man sollte sich unbedingt über Wetterlage und Strömungen informieren.
- Den Tauchgang von vornherein als Orientierungstauchgang nach Kompass mit Nullsicht planen!
- Die Tauchtiefe darf nicht mehr als 15 Meter sein. Keine Deko-, Strömungs-, Übungstauchgänge! Nachttauchgänge sind Erlebnistauchgänge.
- Einige Fragen klären: Hat der Tauchpartner schon Nachttauchgänge gemacht? Hat er Platzangst, Tierphobien oder sonstige Ängste? Wie erfahren ist der Tauchpartner?
- Lampenzeichen genau ausmachen!
- Vorher klären, wie die Tauchgruppe sich im Falle des Verlusts eines Tauchpartners zu verhalten hat. Oft hilft es, kurz die Lampe auszuschalten, um auch einen schwachen Lichtschein noch wahrnehmen zu können.
- Die Gruppengröße sollte nicht mehr als drei Taucher betragen und der erfahrenste Taucher die Gruppenführung übernehmen.
Ausrüstung:
- Jeder Taucher sollte unbedingt über eine komplett autonome Ausrüstung verfügen. Das heißt: Zweitautomat, Ersatzlampe (oder mindestens Blinker, Leuchtstab) und eigener Kompass.
- Hilfreich sind reflektierende oder phosphoreszierende Leuchtstreifen, die auch zur Markierung von Ventilen, Schnallen und Instrumenten gute Dienste leisten.
- Das Messer ist wichtig, da bei Nachttauchgängen in flacheren Ufergewässern getaucht wird, in denen häufiger mit Netzen und Angelleinen zu rechnen ist.
- Eventuell zusätzliche Warnsignale (Signalbojen, Signalraketen...).
Beim Einstieg:
- Wichtig: Ein- und Ausstiegsstelle muss mit einer Lampe markiert werden. Eine Person sollte "Lampenwache" halten. Diese sollte auch über die genaue Tauchgangsplanung (Richtung, Strecke, Zeit) informiert werden. Ab- und Rückmeldung, wie auf allen Booten üblich, ist nachts auch von Land aus obligatorisch!
- Sorgfältig peilen! Zusätzlich ist es sinnvoll, markante Punkte (Felsen, Baumstämme...) und deren genaue Tiefe festzuhalten, von denen aus man das Licht an der Einstiegsstelle sehen kann.
Beim Tauchen:
- Nachts stellt sich das Auge auf die Dunkelheit ein. Das bringt den Vorteil, dass auch bei wenig Licht noch Gegenstände erkannt werden können. Allerdings steigt auch die Blendgefahr. Hat sich das Auge erst mal an die Dunkelheit bei Nacht gewöhnt, sollte man vermeiden, in helles Licht zu schauen. Die Blendwirkung kann nachts wesentlich länger anhalten als tags, darum sollte man als Taucher darauf achten, dem Partner nicht in die Augen zu funzeln.
- Aus demselben Grund sollte man auch auf Tiere Rücksicht nehmen. Wer immer noch nicht glaubt, was 50 Watt Halogenlicht nach Dauerdunkel für einen Effekt auf die Sehfähigkeit hat, kann es ja einfach an sich selbst ausprobieren (wovon ich aber dringend abrate!).
All die Vorbereitungen und Vorsichtsmaßnahmen werden am Ende mit Tauchgängen belohnt, die man so schnell nicht wieder vergisst. Selbst sonst unbelebte Stellen verwandeln sich nachts in eine dicke Fischsuppe und man kommt aus dem Staunen überhaupt nicht mehr heraus: Fluss- und Kaulbarsche in beachtlicher Größe; Schwärme von Jungfischen umkreisen neugierig die Lampen und im engen Lichtkegel fallen Dinge auf, die tagsüber im Allgemeinen "untergehen". Alle Aale aalen sich im Sand, Hechte lauern ganz ohne Deckung auf ihre Beute und sogar der ein oder andere Karpfen oder Brachsen lässt sich blicken.
Nachttauchgänge sind Erlebnistauchgänge. Doch um das Erlebte genießen zu können, muss man erst mal üben, das Erleben zu genießen. Abstürze, Marathonläufe oder Sprints sind bei Nachttauchgängen fehl am Platz – viel Übung ist notwendig, um nicht immer damit beschäftigt zu sein, den Partner im Blickfeld zu behalten, so halbwegs tariert aus der Schlammwolke herauszukommen und den Überblick im Gewirr der Armierungseisen und Angelschnüre zu behalten: All das konnten wir an diesem Tag-der-deutschen-Einheit-Wochenende lernen und üben, und dafür möchte ich mich auch ganz herzlich bei Uli Hornung und Hans Boß bedanken.
Sie haben mal wieder einen prima Kurs hingelegt der, wie ich meine, auch einigen anderen Clubmitgliedern nichts geschadet hätte – alle Teilnehmer waren nämlich wieder einmal erfahrene Taucher, die garantiert nicht ihren ersten Nachttauchgang hinter sich gebracht haben. Aber wer weiß: Vielleicht hat es gerade deswegen so viel Spaß gemacht??
Lukas Rüttiger