Das Druckkammer-Centrum Stuttgart (DCS 1)
2. August 1995 von Gerd Saga
Tiefenrausch erwähnen viele nur wenig, erwähnen ihn höchstens als Gefahr, weil der Unerfahrene sich im Zustand von Willenlosigkeit und Euphorie gelegentlich verleiten lasse, seinen Lungenautomaten lachend einem verständnislos vorbeiziehenden Kabeljau anzubieten.
Doch sollte das den Anfänger nicht abschrecken. Der Tiefenrausch birgt schlicht unaussprechliche, schädelsprengende Ekstasen, welche alle zu Lande bekannten Räusche als läppisch erscheinen lassen. Auch die menschliche Sexualität, in ihren extremsten Möglichkeiten, wird von den Verzückungen eines guten Tiefenrausches weit in den Schatten gestellt.
Noch heute erröten die Matrosen jenes Schiffes, von dem Jacques-Yves Cousteau in die Weltmeere abzutauchen pflegte, wenn sie von einem gern verschwiegenen Zwischenfall erzählen: Der Meister ächzte aus den Abgründen des Marianengrabens nur noch ein heiseres "Tiefer! Tiiiieeeefer!" durch den Sprechfunk nach oben, bevor er für Minuten die Verbindung unterbrach. (Achten Sie übrigens aus Sicherheitsgründen stets darauf, dass Ihre Taucherbrille nicht beschlagen kann!)
Ein abschließendes Wort zu den Gefahren unseres Sports: Vergessen Sie nie, dass der Wasserdruck erheblich zunimmt, je tiefer Sie tauchen. Der menschliche Körper wird davon so zusammengepresst, dass er wesentlich kleiner als an der Oberfläche ist. Bereits in einer Tiefe von fünfzig Metern kann jeder Fisch ab Karpfengröße den Taucher problemlos verschlucken. Weitere zwanzig Meter darunter werden schon aufgeklappte Miesmuscheln bedrohlich. Allerletzte Bemerkung: Tauchen Sie nie allein! Schon die Begleitung durch einen einzigen Kameraden reduziert das Risiko, vom Hai gefressen zu werden, um fünfzig Prozent.
AXEL HACKE, Süddeutsche Zeitung MAGAZIN
DCS 1 – Druckkammer-Centrum Stuttgart
Der WLT-Vorstand besuchte am 2.8.95 das DCS 1 in Stuttgart und absolvierte eine Testfahrt auf 50 m Tiefe. Die Kammer ist mit 12 komfortablen Sitzplätzen ausgestattet – wie im Düsenjet – und bietet eine lückenlose Patientenüberwachung von außen durch Video und eine Gegensprechanlage, Fernübertragung von EKG, Blutdruck, Sauerstoffkonzentration im Blut und den Herz- und Kreislauffunktionen. Durch eine Schleuse können Patienten während des Betriebs jederzeit aus- und eingeschleust werden.
Eine weitere und für die Taucher die derzeit wichtigste Behandlungsmöglichkeit bietet die Kammer mit der hyperbaren Sauerstofftherapie. Dadurch wird bei einem mit einer Gasembolie verunfallten Taucher nicht nur die Reduktion der Gasblasengröße in den Blutgefäßen erreicht, sondern der Entsättigungsvorgang des Stickstoffs aus dem Körper wird wesentlich beschleunigt. Dies geschieht durch die Erhöhung des Diffusionsgradienten des Sauerstoffs durch 100% $O_{2}$ Atmung, was auch schon bei der normobaren Sauerstofftherapie der Fall ist.
Dieser Effekt verstärkt sich bei der hyperbaren Sauerstofftherapie um ein Vielfaches. Dieser entscheidende Vorteil entsteht durch die freie Diffusion des $O_{2}$ und der Vergrößerung der Diffusionsweite in den Geweben, welcher beim Transport nicht mehr an den Transportträger, das Hämoglobin, gebunden ist. Ab 0,9 bar relativem Überdruck geht $O_{2}$ im Körper in Lösung und kann durch Gasblasen blockierte arterielle Endstromgebiete durch Diffusion erreichen. Damit kann den gefährlichen Gewebsuntergängen (vorwiegend Gehirn und Rückenmark), auch bei noch gestörter Zirkulation, wirkungsvoll begegnet werden.
Die Kammer arbeitet natürlich nicht nur im Bereich der Behandlung von Tauchunfällen, sondern hauptsächlich mit Patienten, die der notwendigen hyperbaren Sauerstofftherapie bedürfen, bei Anwendungsgebieten wie:
- Taucherkrankheiten
- Kohlenmonoxidvergiftungen
- Rauchgasvergiftungen
- Luftembolien
- Infektionen mit Gasbranderregern
Bei folgenden Anwendungen wird die hyperbare Sauerstofftherapie als sinnvoll angesehen:
- Durchblutungsstörungen des Innenohrs (Hörsturz, Ohrgeräusche/Tinnitus, Knallschaden, M. Menière)
- Schlecht heilende Wunden und „offene Beine“ (bei Zuckerkrankheit, Durchblutungsstörungen)
- Mehrfach erfolglos behandelte Knochenmarksentzündungen (Osteomyelitis)
- Gefährdete Haut- und Weichteilverpflanzungen
- Bestrahlungsschäden mit Untergang des Gewebes von Haut und Knochen
- Ausgedehnte, tiefgreifende Weichteilverletzungen mit drohendem Gewebsuntergang
- Verbrennungen von über 20 % der Körperoberfläche
In Forschung sind folgende Behandlungen:
- Multiple Sklerose
- Durchblutungsstörungen des Gehirns (Schlaganfälle)
- Gefäßerkrankungen der Augen (z.B. bei Zuckerkrankheit)
Nun, weshalb machten wir vom WLT-Vorstand diesen Druckkammerbesuch? Unsere Intention ist es, den Tauchern unserer Mitgliedsvereine eine zentral gelegene Druckkammerbehandlungsmöglichkeit in Württemberg mit direktem Zugang anbieten zu können. Um eine lückenlose Behandlung zu gewährleisten, ist natürlich eine 24-Stunden-Bereitschaft notwendig. Im Moment ist die Betriebszeit der DCS 1 Druckkammer nur an Werktagen von 8.00 - 18.00 Uhr. Demgegenüber liegen unsere taucherischen Einsatzzeiten: abends und am Wochenende.
Daher hat Herr Dr. Koegel, Leiter des DCS 1, nachdem wir ihm unsere Vorstellungen dargelegt haben, uns nun das Angebot gemacht, dass wir ihn bei einem Notfall jederzeit erreichen können und die Druckkammer jederzeit genutzt werden kann. Da das DCS 1 personell einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb auf Dauer nicht leisten kann, müssten wir, die Taucher, technisches und medizinisches Personal stellen, d.h. eine Druckkammercrew bilden, die sich aus Taucherärzten, medizinisch Geschulten und technisch Interessierten zusammensetzt.
Für die Druckkammercrew würden Schulungen von Herrn Dr. Koegel durchgeführt sowie auch Seminare bei Haux angeboten werden. In der Konzeption ist angedacht, eine telefonische Rufbereitschaft über den Zeitraum einer Woche einzurichten (werktags abends und am Wochenende). Bei entsprechender Crewgröße würde das für den Einzelnen bedeuten, ca. alle 2-3 Monate einmal Bereitschaftsdienst zu leisten. Um eine entsprechende Einsatzbereitschaft der Kammer zu gewährleisten, sollte die Verfügbarkeit der Kammercrewmitglieder in der Kammer nach Alarmierung innerhalb von ca. 1 bis 1 1/2 Stunden gegeben sein.
Hier nun unsere Frage: Wer hat Interesse und auch die Zeit, in der Druckkammercrew mitzuwirken und sich dort zu engagieren? Wer interessiert ist, kann sich gern direkt bei mir melden, Tel. 07161-57444, Fax 07161-52135.
Am Ende möchte ich noch eine Information zur Kostenabdeckung von Druckkammerbehandlungen anfügen: Das DCS 1 bietet natürlich für uns und die Taucher zusätzlich noch die Möglichkeit der Durchführung von Druckkammer-Seminaren und Forschungsreihen in der Aus- und Weiterbildung im WLT und die Möglichkeit der Druckkammerbefahrung für Mitglieder der Vereine. Die Kosten einer Druckkammerfahrt pro Person liegen bei 40,-- DM, wobei es mindestens 6 Teilnehmer sein sollten; maximal können 13 Personen an einer Fahrt teilnehmen. Eine spezielle Broschüre über das DCS 1 kann direkt dort angefordert werden.
In unserer Versicherungsbroschüre vom Gerlingkonzern ist die Kostenübernahme von Druckkammerbehandlungen nicht explizit aufgeführt. Auf Anfrage wurde uns deshalb zugesichert: Die Kosten für alle Druckkammerbehandlungen nach Tauchunfällen von WLT-Tauchern werden vom Gerlingkonzern im Rahmen unserer Versicherung gedeckt.
Gerd Saga1. Vorsitzender
Anschrift der DCS 1:DCS 1Druckkammer-Centrum StuttgartHeilbronnerstr. 30070469 StuttgartLeiter: Dr. med. Stephan KoegelTel. werktags 8.00 - 18.00 Uhr: 0711-851032 / Fax 0711-851037Tel. abends und am Wochenende: 0711-857800