Druckkammerseminar in Ulm und drumherum im Rausch der Tiefe

28. Juni 1995 von Armin Dahl

Plötzlich zischt's, die Luft wird heiß und stickig, der Gummiball – eben noch prall gefüllt – macht sofort schlapp. Die Hand zuckt zur Nase, drücken. Tube frei, drücken, drücken, drücken, aus dem Lautsprecher kommt eine Blechstimme von draußen: "Alles OK?".

Das Computer-Display an der Wand zeigt schon fast 10m Tiefe an – die Probeschleusung in der Druckkammer hat begonnen. Von draußen drücken sie sich die Nasen an den Bullaugen platt, ebenso platt ist der Neopren-Fetzen, der vor einer Minute noch stolze 7mm dick war. 20m, 30m. Auf der Stirn des dicken Menschen, der uns vorhin die Theorie-Einführung gegeben hat, bilden sich die ersten Schweißperlen. Das Thermometer zeigt fast 40° C an, an den Füßen friert's einen trotzdem, die Luft ist zäh wie Honig.

Die gespannte Erwartung legt sich, schlagartig kichern alle los. Die Stimme von Kutti klingt, als ob Daisy Duck neben mir sitzen würde, aha!, Veränderung der Sprache durch Überdruck und so weiter. Meine eigene klingt auch nicht besser. Der Tauchcomputer im Wassereimer kommt mit dem Zählen kaum hinterher, das Neopren fühlt sich an wie dünner Pappdeckel.

Was stand da im Skript: Martini-Gesetz? Je 15m Tiefenzuwachs entsprechen der Wirkung eines Martini? Jedenfalls machen die sieben Menschen in der Druckkammer ein Geschrei wie ein Kegelclub auf Sauftour. Tiefenrausch?? Aber Hallo!! Eigentlich hatte ich mir ja eingebildet, dass ich vor lauter Tauchen ordentlich geeicht sei – war wohl nix! Hoffentlich kriegt jetzt keiner die Panik.

Nochmal auf die Tube drücken, die Lautsprecher-Stimme meldet 50m, wir sind unten! Rechenaufgaben werden ausgeteilt, eintausend minus neun. Ergebnis minus neun, Ergebnis minus neun und so weiter. Was hat der Typ eben gesagt: Ideenfixation? Verzögerte Reizantwort? Kalkulationsfehler? Also nochmal, tausend minus neun – äähhh, da steckt doch ein System dahinter, aber wie jetzt? Tausend minus neun.....? Dorothee gegenüber schreibt wie wild. Kutti neben mir ist verschwunden, aber wohin? Aha, also auch noch Tunnelblick, und zwar schulbuchmäßig! Neunhunderteins minus neun ist achthundertzwoundachtzig, da stimmt doch was nicht, aber was??? Die Zettel werden eingesammelt. Uli Mang versucht vergeblich, ein Blatt Papier zu Boden fallen zu lassen, grinst dabei etwas albern, einen schönen Tiefenrausch hat er.

Schon fünf Minuten unten, viel zu kurz auf jeden Fall. Die Blechstimme kündigt das Auftauchen an, schon quietscht die Luft aus der Tube, hoch geht's. Schlagartig wird's frisch, Nebel bildet sich, dafür klärt sich der vorher völlig bedröhnte Geist auf wunderbare Weise auf. 20m, der Guide gibt das Kommando zum Aufsetzen der Sauerstoffmasken. Ruhe kehrt ein, das Schnaufen wird langsamer, so muss es also aussehen nach dem Atomkrieg.

Die Rechenzettel werden herumgegeben, zuerst macht sich Heiterkeit breit, dann ungläubiges Staunen: Sind wir denn alle völlig bescheuert?! Der Gummiball ist bei 3m immer noch völlig schlapp, die Blechstimme gibt das Kommando "Masken ab". Die Salzkristalle an den Ohren, die sich beim Schwitzen und durch den Nebel beim Aufstieg gebildet haben, jucken wie verrückt, oder waren es vielleicht doch Taucherflöhe? Die Tür öffnet sich – "Alles OK?" "Alles OK!".

Infos:

HBO (HyperBare Oxygenation) Institut für Hyperbar- und Tauchmedizin
Oberer Eselsberg 45/1, 89081 ULM, Tel. 0731-533 33 Fax 552 400
Anfahrt über die A 8 Stuttgart-Ulm, Abfahrt ULM-WEST, Kliniken Eselsberg, Bundeswehrkrankenhaus.

Das HBO ist ein privates Institut auf dem Gelände des Klinikums, hier werden Tauchunfälle behandelt, Taucherärzte ausgebildet usw. (Der eigentliche Zweck einer Druckkammer an einem Bundeswehrkrankenhaus ist jedoch weniger sportlicher Art, wichtigstes Einsatzgebiet ist die Überdruck-Sauerstoffbehandlung z. B. von Gasbrand- und Tetanus-Kranken. Gasbrand ist eine tödlich verlaufende Bakterienerkrankung, die vor allem Leute kriegen, die mit tiefen Fleischwunden im Dreck liegen, z. B. Soldaten, Motorradfahrer etc.)

Druckkammerfahrt mit Theorie-Einweisung. Gesamtdauer 10:00–16:00 Uhr, DM 75.-. Es passen maximal 10 Personen und ein Begleiter in die Kammer. Wichtig: 24 Stunden vorher nicht mehr tauchen, Tauchtauglichkeit vorher überprüfen. Tauchpass, Pullover, Tauchcomputer und Spielsachen für die Kammerbefahrung mitbringen, auch ein Vesperbrot schadet nichts. Die Kammerbefahrung wird als Fortbildung für Übungsleiter und Tauchlehrer angerechnet.

Und zum Schluss: Schönen Dank an Thomas W. für's Organisieren!