von Nini Mahlitz
Jeder von uns kennt sie. Entweder, weil schon einmal darin getaucht wurde oder aber nur aus Erzählungen im Kreise des Vereines. Rötlicher feiner Sand an den Uferbereichen, große Steinbrocken als Bollwerke aufgetürmt an der Graskante, Hinweisschilder, eine versenkte Telefonzelle, eine Mauer in der Sohle des Gewässers, dazu dutzende Baumstämme, mächtige Felsstücke, ein Grund aus Wackelpudding und extrem schlechte Sicht: die Nagoldtalsperre aka Erzgrube oder Erze in den Ausläufern des Schwarzwaldes bei Grömbach.

Erstmalig hörte ich von ihr aus Erzählungen von Michael, der immer mal wieder mit ein paar Tauchschülern Vorort war. Gerade mal eine gute Stunde von Tübingen entfernt und näher als der Bodensee gelegen. Doch selbst war ich während meiner Ausbildung zum CMAS* nie dort und auch anschließend, während meiner Zeit in Tübingen, habe ich dieses Gewässer nicht kennenlernen können. Umso genauer lauschte ich interessiert den Berichte und Erzählungen von dem mir unbekannten Gewässer. Erfahrungen sind jedoch meist subjektiv - gleichzeitig häuften sich die Informationen, dass die Sicht in der Nagoldtalsperre keinem anderen Gewässer glich. Trüb und mit Sichtweiten unter einem Meter. Erzählen kann ein jeder viel und so schlecht könne die Sicht doch gar nicht sein, dachte ich mir all die Jahre, denn wer häufiger in Talsperren unterwegs ist weiß, dass diese künstlich aufgestauten Gewässer häufig über weniger gute Sichtweiten verfügen und auch wenig Vegetation innehaben. Ein schönes Beispiel wäre die Sauertalsperre in Luxemburg etwa eine Stunde von Trier entfernt. Mindestens einmal im Jahr für ein Wochenende bin ich dort Vorort und bezeichne die Sauertalspeere als „Brackwasser“ in entfremdeter Form. Natürlich haben auch Blindflugtauchgänge ihren Charme, keine Frage! Denn es schult Ruhe zu bewahren und sich konzentriert auf die Situation einzulassen. Gleichzeitig bedeuten geringe Sichtweiten jedoch, dass vermutlich kaum Fauna bestaunt werden kann. Lange Rede kurzer Sinn: die Erze schlug die Sauertalsperre um Längen und überraschte mich!
Eigentlich sollte die spontane Minivereinsausfahrt gemeinsam mit David, Klaus, Frieder, Tina sowie Christina und Friedrich, an den Bodensee gehen. Voller Vorfreude, Arnes und mein Heimatgewässer, in welchem wir damals tauchen gelernt hatten, wiederzusehen brachen wir am Samstag früh aus Bonn auf. Wir verabschiedeten Michael schweren Herzens am selbigen Tag nach Südostasien und der Sonntag war reserviert für die Überlinger Steilwand, die Steilwand in Wallhausen oder aber die Lädine. Doch Pläne ändern sich leider, da bei Friedrichhafen Klärwässer in den Bodensee eingeleitet wurden und daraufhin 130 schwimmende Menschen erkrankten. Keine Frage, die Enttäuschung war riesig, gerade bei der Anfahrt von guten 400km, doch so ergab sich endlich die Möglichkeit das immer zu erwähnte Gewässer kennenzulernen und die Behauptungen mit eigenen Augen zu sehen.
Über die B28 & B28a reisten wir in einer kleinen Kolone, bestehend aus zwei Autos gen Nagoldtalsperre Richtung Schwarzwald. Deutlich zeichneten sich die Berge und dichten Tannenwälder in der Landschaft ab und schafften ein sofortiges Urlaubsfeeling, wie ich es bisher nur vom Bodensee kannte.



Auf dem Parkplatz Nagoldtalsperre 2, direkt an der L362 stellten wir die Fahrzeuge ab und betrachteten unser Zielgewässer: angenehme Oberflächentemperaturen, roter, feiner Sand am Ufer, riesige Felsbrocken zur Graskante hin, grüne Wiesen, Bäume, Toiletten und ein Grillplatz. Ein Traum! Fast alles, was das Taucherherz begehrt war vorhanden – ausgenommen eine Füllstation...leider! Im nächsten Moment schon tauchten Christina und Friedrich unweit des Ufers auf! Die Sicht sei gut, riefen sie. Voller Vorfreude bauten wir unsere Geräte auf, legten unser notwendiges Equipment bereit, montierten Klaus die schicken, neu erworbenen Schnellverschlüsse für seine Backplate als Harnessersatz und ich liebäugelten mit seiner D8. Endlich ergab sich eine Gelegenheit, ein Doppelgerät zu testen! Zwar würde ich, um mein gesetztes Ziel bis in ein, zwei oder drei Jahren zu erreichen, mit einer D12 unterwegs sein müssen, aber jeder fängt doch mal klein an. Nicht zu vergessen, dass dazu die nötigen Muskeln aufgebaut werden müssen. Nach der Frage, ob mir Klaus 30 Bar zum Testen überlassen würde und er nickte, freute ich mich darauf erstmalige Erfahrungen mit einem Doppel machen zu können. Nach ein wenig verstrichener Zeit waren alle bereit und in ihren Anzügen. Drei Trockentaucher und zwei Nasstaucher. Während Frieder und David gemeinsam mit Klaus tauchten, bildeten Arne und ich ein Team. Tina hütete dankenswerterweise den Notfallkoffer am Ufer und entspannte sich auf einer Liege, da ihr leider noch kein Anzug zur Hand war. Christina und Friedrich hingegen schlüpften aus den Nasstauchanzügen hinaus und wärmten sich nach ihrem bereits zweiten Tauchgang auf.
Wir schritten gen Wasser, fragten Klaus noch nach möglichen Sehenswürdigkeiten und erfuhren von einer Mauer, die in der Sohle der Sperre auf uns warten würde. Doch leider konnte er uns nicht sagen, ob sie gen Südwesten, also fort von der Staumauer oder gen Nordosten, hin zur Staumauer vorzufinden war. Ausgerüstet mit jeweils einer dicken 12l Flasche und der üblichen Kaltwasserkonfiguration bestehend aus zwei ersten Stufen wateten wir also ins kühle Nass hinein und bemerkten schnell, dass der feine Sand die Sicht unheimlich schnell enorm reduzierte. Nicht nur das Wetter war äußerst wechselhaft, sondern auch die Sicht. Vermutlich hatte es an den Vortagen im Hinterland des Schwarzwaldes geregnet. Am selbstgewählten Einstieg zwischen zwei Bäumen wurde dies deutlich. Mit Touch Contact, leuchtenden Handlampen und einem Bottemlight verließen wir die Oberfläche und erst nach ca. 3 Minuten und dem Wegtauchen vom Einstieg fort von der Staumauer hinab in die Sohle, erhöhte sich die Sicht auf 1-2 Meter. Wir folgten dem Hang, wichen mystisch behangenen Baumstämmen und Brocken aus, während uns die Dunkelheit zunehmend in sich aufnahm. Ich überprüfte mich selbst und schätzte die Tiefe. Ich war mir sicher, auf mehr als 20 Meter angekommen zu sein, der Computer jedoch überzeugte mich vom Gegenteil. Gerade einmal 9,9m – dass man sich so aufgrund der Gegebenheiten und Besonderheiten des Gewässers täuschen konnte, immer wieder faszinierend. Wir tauchten weiter, folgten dem Hang hinab zur Sohle und hielten nach der Mauer Ausschau. Erfolglos, denn die Schwebeteilchen streuten das Licht so immens, dass es kaum möglich war, weiter als einen Meter zu sehen. Baumstämme und Steine tauchten sprichwörtlich so kurz vor knapp vor uns auf, dass das Ausweichen gerade noch möglich wurde. Weiter unten auf 19 Meter über Grund riss die Sicht etwas auf. Es waren nun mehr 2-3 Meter und gespenstisch ragten einzelne Hölzer und Stöcker aus dem Schlick, der Wackelpudding glich heraus. Wir drehten bei und folgten der Sohle in Richtung Staumauer nach Nordosten. Keine Flora, keine Fauna, nur kaminroter, brauner und schwarzer Sand, Totholz und das Leuchten unserer Lampen. Auch hier stießen wir nicht auf die erwähnte Mauer, es erschien eher wie eine karge Landschaft mit kleinen Löchern und Kratern. So mussten sich Astronauten oder Höhlentaucher fühlen, wenn sie unbekanntes Gelände vordrangen. Wir tauchten letztlich mit einem Blick aufs Finimeter zurück gen Ufer und verließen die Sohle nach guten 22 Minuten. Langsam stiegen wir mit dem ansteigenden Relief auf gute 17 Meter auf und erkannten zunehmend das helle Schimmern der Wasseroberfläche. Die Sicht wurde geringer. Dunkle, wummernde Schatten im grünlich, rötlichen Wasser, geworfen von Steinen und Baumstämmen erschienen zwiespältig vor unseren Augen. Immer begleitet von dem Gefühl, was es wohl sein könnte. Haben wir etwas Neues entdeckt, dass anderen Tauchern vielleicht verborgen blieb und nicht bekannt war? Oder etwas, dass man vielleicht gar nicht entdecken wollte? Voller Neugierde aber auch voller gesundem Respekt warteten wir jede einzelne Erscheinung ab. Gleichzeitig damit einhergehend schossen mir Geschichten aus dem Hirschauer Baggersee oder auch aus dem Bodensee in den Sinn, denn immer wieder wurden verunfallte Taucher in diesen Gewässern geborgen. Es war die Dunkelheit, die Sicht und die Fremde des Gewässers, die mir diesen Streich spielten und mir eine Mischung aus unendlichem Entdeckerdrang und urinstinktiven Unwohlsein beimischte – gesunder Respekt eben. Kein Problem: ein Phänomen, dass mir aus vielen heimischen Gewässern bekannt war, in das ich mich aktiv begab, um es zu trainieren und mit dem ich umzugehen wusste. Ich frage auch Arne mittels Lampe, ob bei ihm alles in Ordnung wäre und er bestätigte. Auf ca. 15 Metern stießen wir dann tatsächlich auf seltsame Strukturen. Aufgestellte Holzschilder mit einer Telefonzellenzeichnung, einer Pfeilrichtung und der Bitte, die Telefonzelle zu wahren. Eine Telefonzelle!? Sicherlich ein schlechter Scherz! Davon hätte Klaus doch sicher gewusst? Als wir aber beim Austauchen auf ein weiteres Schild trafen, dass ebenfalls eine Richtungsangabe aufwies und auf dem ebenfalls von einer Telefonzelle die Rede war, wünschte ich mir, dass ich noch mehr Luft mitgeführt hätte. Zu gerne hätte ich die Telefonzelle gesehen, doch so war ein Grund gefunden, noch einmal herzukommen. Der Deepstop und der Sicherheitsstopp folgte, anschließend streckten wir den Hals aus dem Wasser und sahen, das wir den Einstieg um ein paar Meter verfehlt hatten. Zu groß war wohl die Begeisterung den Schildern gen Telefonzelle zu folgen. Wir tauchen noch einmal ab, sahen sogar ein paar Barsche im Flachwasserbereich nahe des Ufers und landeten am Einstieg.
Niemand war zu sehen. Waren wir so lang unterwegs? Doch eigentlich nur 52 Minuten. Wir verließen das Wasser, als uns der abrödelnde Klaus heranwinkte – natürlich wollten wir die D8 noch ausprobieren! Das eigene Equipment legten wir bei Seite und ich schlüpfte als Erste in Klaus Wing hinein, während sich Christina und Friedrich verabschiedeten. „Oh, ich hätte gedacht, dass es schwerer wäre!“ sagte ich erleichtert und erinnerte mich dabei an eine 15l Flasche. Die D8 mit 16l jedoch wirkte wesentlich leichter und komfortabler. Natürlich: Sie war beinahe leer, aber auch der Tragekomfort war ein andere, ein besserer. Zurück im Wasser und nach dem Abtauchen begann ich mit ersten Wasserlagentests und wunderte mich darüber, wie viel Klimbim Klaus an seinem Harness mitführte. Es ist eben doch komisch, nicht mit dem eigenen Equipment zu tauchen.

Das erste Gefühl könnte ich wohl so beschreiben, dass ich mich fühlte, als hätte ich einen langen Kühlschrank auf dem Rücken. Das Überstrecken des Kopfes war nicht möglich, zu hoch im Nacken saßen mir die Ventile. Die konnte ich ganz ohne Probleme erreichen! Um einen Blick nach vorn zu werfen, musste ich mich mit den Knien absacken lassen. Kein schönes Gefühl und eine viel zu aufrechte Wasserlage. Mit dem Blick gerade nach unten gerichtet funktionierte es dann aber doch. Flossenschläge und eine gute Wasserlage waren möglich. Ich tauchte auf und half Arne im Wasser ins Gerät und beobachtete ihn von der Oberfläche aus. Seine Wasserlage war mit der D8 um Längen besser als mit der dicken 12l, auch, wenn ich nur stellenweise die weißen Flaschen erkennen konnte. Auch er erreichte die Ventile ohne Probleme. Auf dem Weg heraus sprachen uns ein paar Badegäste mit den üblichen Fragen an: ob es nicht kalt wäre, wie lang wir unten waren & wie sie Sicht wäre. Nach einem netten Gespräch brachten wir Klaus seine Flasche zurück.
Tina, Frieder, David und Klaus hatten bereits die Grillstelle reserviert, waren tüchtig dabei alles aufzubauen und trugen Salate heran. Wir warfen uns in nicht nassgeschwitzte Kleidung, verräumten unser Equipment und stieße mit unseren Grillutensilien dazu. Tina hatte den kleinen Kohlegrill angeheizt und Klaus gab den Grillmeister. Es dauerte zwar bei uns allen eine Weile, bis wir erkannten, was dieses Schild uns mitteilen wollte...aber langsam dämmerte es uns. Kein Wunder, denn das Schild stand auf dem Kopf und es waren keine Aliens, sondern ein Grill mit zwei Würstchen und eine Feuerstelle mit drei Hölzern.
Das Grillen war fantastisch: Käsewürstchen, Nudelsalat, Blattsalat, Brot und Soßen – quasi alles was man brauchte! Wir saßen nett beieinander, aßen, sprachen über den Tauchgang, die Sicht und das Gewässer und klönten etwas herum. Es war Arne, der das Zitat des Tages trocken und ironisch, aber auch mit etwas liebe untermauert heraushaute und uns damit zum Lachen brachte: „Joa, das ist schon ein Drecksloch hier.“ lachte er.

Keine Frage, die Sicht war, wie ich es aus all den Erzählungen gehört hatte. Keines der Worte war übertrieben oder überdramatisiert. Dennoch war es ein genialer Tauchgang, ein verdammt geselliger Nachmittag beim Quatschen und Grillen und einfach wieder schön, mit dem TCTT unterwegs zu sein, da uns leider 400km trennen! Daher: Kommt doch mal vorbei und wir gehen gemeinsam in die Widdauen!