Juli 1992 von Lukas Rüttiger

Wie eine Ausfahrt zum Tauchturm nach Berlin im Nachhinein zur Lektion über Tauchphysik und die möglichen Gefahren von selbstgebauten Lampen- und Akkugehäusen wurde.

Es war ein schwarzer Freitag, wie er im Buche steht: Nachts viel zu wenig geschlafen (und das nicht mal gut), viel zu früh aufgestanden und dann ist auch noch die Milch sauer. Die erste Berührung mit dem Wasserdruck an diesem Morgen war auch nicht das, was ich mir erwartet hatte: Aufgrund eines Rohrbruchs im Keller war das Wasser abgestellt und der Vermieter stand schon auf der Matte.

Nach diesen lästigen Alltagsproblemchen konnten wir (das waren bis jetzt Gisela, Christoph und ich) endlich los nach Reutlingen, wo wir noch den Thomas abholten, um dann viel zu spät bei Norbert einzulaufen, der inzwischen fast so sauer war wie die Milch. Nach einem zweiten, ausgezeichneten Frühstück (bei dem uns Harry und Gerhard, zwei Taucher aus Pfullingen zugesehen haben) war aber alles wieder im Lot und wir konnten aufbrechen.

Zur Fahrt gibt es lobend zu erwähnen, dass man auf allen Parkplätzen der ehemaligen Transitstrecke auf "wilde" Imbissbuden stößt, was die lange Fahrt ungemein erleichtert. In Berlin beim Tauchturm der DLRG / BLFS angekommen (Norbert war natürlich zuerst da) zog es uns erst mal in die Stadt hinein, wo wir dann auch gerade rechtzeitig zum einsetzenden Regen ankamen. Was kann man da schon anderes tun als von Kneipe zu Restaurant zu Kneipe zu ziehen?

Richtig, man kann rechtzeitig ins Bett gehen, um für den nächsten Tag und den Druckkammertauchgang fit zu sein (was wir dann auch alle brav gemacht haben). Der Samstagmorgen stand dem Freitag in nichts nach: Der Regen lachte einem ins Gesicht und wer über Nacht den Schlafsack zu weit geöffnet hatte, konnte sich sicher sein, denselben muffeligen Eindruck zu verbreiten wie die Matratzen. Da half auch die Dusche nicht viel, denn als technisch ansonsten geübte Taucher war es uns erst am nächsten Tag möglich, den Code für das Warmwasser zu knacken. Etwas Positives zum Frühstück: Die Milch war nicht sauer – es gab keine.

Dann, nach ausführlicher Einführung des Druckkammer-Fahrers, war es soweit. Durch die Einstiegsöffnung manövrierten wir uns mit aufgegurtetem Pressluftgerät vorsichtig einer nach dem anderen in den oberen Teil der Druckkammer, den trockenen Teil. Trotz den beeindruckenden Dimensionen der Anlage geht es eng zu und der Gedanke ist beklemmend, nach einem Tauchunfall möglicherweise Wochen in dieser Blechdose zu verbringen. Wir setzen uns im Kreis um den Schacht der Anlage, der bis zum Rand mit Wasser gefüllt ist; mitgebrachte Tauchcomputer, Tiefenmesser, Lampen und sonstige Utensilien werden im Wasser versenkt (was sich als durchaus sinnvoll erweisen sollte!).

Die Druckschleuse wird geschlossen und bevor Zeit bleibt zu überlegen, was man sich nicht alles antut, wenn man es nicht muss, öffnen sich die Ventile und unter ohrenbetäubendem Lärm wird Luft in die Kammer gepresst. Innerhalb von zwei Minuten wird der Druck auf über 5 bar erhöht – der Druckausgleich wird zur Hauptbeschäftigung. Umso belustigender dann der Moment der ersten Lautäußerung: Durch den erhöhten Druck ist die Luft stärker komprimiert und ähnelt in ihren Schallausbreitungseigenschaften dem Helium unter Normaldruck, was aus der markantesten Männerstimme eine piepsend quietschige Micky-Maus-Stimme zaubert. Dieser Spaß ist schnell ausgekostet – jetzt heißt es schnell ins Wasser.

Langsam tauchen wir nacheinander ab in den 8m tiefen Schacht, der sich am unteren Ende in eine größere Kammer öffnet. Obwohl es eng zugeht, findet jeder Gelegenheit, die Dinge zu üben und auszuprobieren, die man sich bei 50m Tiefe im Freiwasser lieber nicht antut. Das Wasser ist angenehm temperiert, das Tauchen ohne Anzug, Bleigurt und Weste könnte besser nicht sein, da wird die Kammer von einem ohrenbetäubenden Knall (unter Wasser!) erschüttert. Im ersten Moment denke ich, dass eine Druckflasche aus der Halterung gerutscht ist und gegen die massiven Metallwände gestoßen ist, doch schon bald ist die wahre Ursache klar zu erkennen: Ein selbstgebauter Akkutank, den Norbert zur "Tauglichkeitsprüfung" mitgenommen hatte, konnte dem Wasserdruck nicht widerstehen und war implodiert. Zum Glück ist weiter nichts passiert; der Schrecken stand aber allen im Gesicht geschrieben.

Da leuchten auch schon die Lampen dreimal auf – das Zeichen zum Auftauchen. Respektvoll bewege ich mich vorsichtig an einer Taucherlampe vorbei (Eigenbau), die an einer Schnur hängend im Wasser baumelt. Sie hat offenbar den Druckbelastungen widerstehen können – wie lange noch? Das Hochfahren läuft planmäßig mit Dekopausen bei 9, 6 und 3 Metern ab. 40 Minuten nach Betreten der Druckkammer werden wir in die Freiheit entlassen. Und die genießen wir nach den obligatorischen Gesundheitschecks dann noch ausgiebig im alten und neuen Berlin.

Eigentlich könnte dieser Bericht hier zu Ende sein, wären da nicht noch einige Dinge, über die man sich Gedanken machen sollte: Implosionsgefahr besteht bei allen hohlen, nicht massiv gefüllten Geräten der Tauchausrüstung. Es gab Fälle von Implosionen, bei denen der Neoprenanzug zerrissen wurde und schwere Fleischwunden die Folge waren. In unserem Fall war es Glück, dass das Gehäuse aus einem nicht splitternden, recht massiven Kunststoff bestand. Unvorstellbar, was bei der Implosion einer Lampe hätte geschehen können!

Ein Tipp für alle Selbstbastler: Zur Prüfung der Stabilität kann man das Gehäuse an einer langen Leine in ein tiefes Gewässer absenken (Richtwert: 80m, Versetzung durch Strömung berücksichtigen!) und hat damit für kommende Tauchgänge eine ausreichende Sicherheit, dass nichts passiert.