September 1993 von Lukas Rüttiger

Antwortet man einem Amerikaner auf die Frage, ob man schon in den USA gewesen ist, mit "Ja, in Florida", bekommt man in der Regel zu hören, dass Florida eine Ausnahme ist, die die Staaten in keinster Weise repräsentiert. Ob man nun in Südamerika oder Florida war, dies ist einfach nicht "God's own country".

Fährt man die Westküste von Florida gen Süden, merkt man sofort, dass dieses Land anderes zu bieten hat als Mickey Mouse, Cape Canaveral, Miami Vice und Rentner: Die Everglades. Dieses Biosphärenreservat der Vereinten Nationen, ein Naturpark, sucht seinesgleichen: Kein Sumpf, sondern ein Fluss so breit wie Deutschland fließt vom Lake Okeechobee unmerklich langsam dem Meer entgegen und bildet die Grundlage für Mangroven, Salzmarschen und Brachwasserzonen mit einer unbeschreiblichen Vielfalt an Pflanzen und Tieren.

Südlich verliert sich das Land in einer Unzahl kleiner Inseln und Inselketten im Golf von Mexiko. Eine besonders lange Inselkette, die noch mit dem Festland in Verbindung steht, wurde von den Amerikanern als Fundament für ihren Highway #1 genutzt, welcher Key West (die "southernmost town", 90 km nördlich von Kuba) mit dem Festland verbindet: "The Keys". Neben dem Highway blieb noch ausreichend Platz für die Ansiedlung von Wintergästen (Rentner aus dem Norden, die hier die kalte Jahreszeit verbringen), einigen Bootsverleihen und – wer hätte es gedacht – Tauchbasen.

Tauchen auf den Keys ist "easy diving": Die Küstenlinie läuft flach ins offene Meer aus, ab 5 m Tiefe erheben sich über dem Muschelkalksand Riffe, die eine unglaubliche Formenvielfalt von Pflanzen und Tieren beherbergen. Wer das Mittelmeer kennt, wird zwar die Farbenpracht der Krustenanemonen, Roten Edelkorallen, Aktinien und Seeanemonen vermissen, dafür tragen in Florida die Fische die prächtigsten Farben zur Schau: Kaiserfische, Schmetterlingsfische, Papageienfische und Drückerfische in stattlicher Größe wetteifern dermaßen mit ihrer Farbenpracht, dass die Aufmerksamkeit selten lange an einem Punkt verweilt. Geweihkorallen und Schwämme aller Formen bilden ein Panorama, das in jedem Phantasiefilm als Bühnenbild dienen könnte.

Trotz der geringen Tauchtiefen (selten bis 20 m) empfiehlt es sich immer, seine Lampe dabeizuhaben: In Unterhöhlungen findet man die Grüne und die kleinere Goldgepunktete Muräne, den Amerikanischen "Spiny Lobster", der nur kleine Scheren besitzt und daher eher einer Languste ähnelt, und Ammenhaie. Auf offenem Sandgrund kann man oft einen "Stingray" (Stachelrochen) entdecken, der perfekt an die Farbe des Untergrunds angepasst ist.

Beeindruckend sind auch die Barrakudas: In Schwärmen von bis zu 10 Tieren, alle über 1 m, stehen sie oft in der Strömung über der Riffkante. Obwohl keine Unfälle bekannt sind, flößen die vorstehenden Fangzähne ganz schön Respekt ein!

Apropos Zähne: Die Boote der Tauchbasen sind oft klein. Im April/Mai herrscht oft noch hoher Seegang, so dass es nur allzu oft vorkommt, dass einige Tauch- oder Schnorchelgäste wegen der "bumpy sea" ihr Frühstück nicht bei sich behalten wollen und auf diesem Wege ungewollt die Fische anfüttern. Beeindruckend, wie schnell sich die Tierwelt auf die Erschließung dieser neuen Nahrungsquelle eingestellt hat! Sofort wuselt es vor Fischen unter der Oberfläche, vergleichbar mit der Fütterung im Aquarium.

Kurz und gut: Bei einer dieser Fütterungsaktionen verlor ein Kanadier, der mit seiner Frau (die unsägliche Angst vor dem Wasser hatte und daher auch nicht schwimmen konnte) als Schnorchler an Bord war, seine Goldzähne. Frank, unser Skipper, meinte nur mit verzogenem Gesicht (ich glaube fast, er musste sich das Lachen verkneifen), wenn ich einen Barrakuda mit zwei Zähnen zu viel sähe, sollte ich ihn mitbringen! Tatsächlich konnte ich die Zähne trotz minutenlanger Suche nicht wiederfinden. Das Meer beherbergt einen weiteren, ungehobenen Schatz!

Tauchbasen gibt es überall entlang der Keys von Key Largo bis Key West: Wer das Nachtleben braucht, ist sicherlich in Key West gut aufgehoben, wobei die Preise fürs Tauchen und Übernachtung deutlich höher sind (günstigste Basis: Looker Diving nahe Eisenhower Drive). Besonders schön zu tauchen ist Looe Key: Ein kleines Naturschutzgebiet vor der Küste kann relativ schnell erreicht werden und bietet jedem Taucher etwas. Ein Tipp für die Unterkunft: Parmer's Place Motel, Big Pine Key.

Auch Marathon Key bietet sehr schöne Tauchgründe, der Ort selbst ist allerdings nicht so ansehnlich, obwohl er (und das ist selten) ein wunderschönes Strandbad hat. An faulen Nachmittagen lassen sich dort ganze Delfinfamilien in Strandnähe beobachten. Plantation Key mit seiner Siedlung Tavernier ist fest in der Hand vom Florida Keys Dive Center. Mit einer kleinen Flotte (3 Boote für jeweils bis zu 25 Taucher) laufen sie viele der schönsten Tauchgebiete, darunter auch den John Pennekamp Coral Reef State Park, das erste Unterwasserschutzgebiet vor Key Largo, an. Service und Ausstattung sind gut, Unterkunft in der Nähe kein Problem.

Besonders reizvoll ist es, in einem Motel mit Bootsanlegesteg auf der Wasserseite zu wohnen: Man kann abends noch etwas draußen sitzen, die Ausrüstung versorgen und den Tag bei einem Bier (Tipp: kein Budweiser) und vorüberziehenden Pelikanen, Kugelfischen und Schwimmkrabben, ab und zu auch Skorpionen, ausklingen lassen.

Zuletzt kann ich mir einen Kommentar nicht verkneifen: Sicherlich hat es seinen Grund, dass fast alle Tauchbasen fest in der Hand von PADI sind. Was ich aber an Ausbildung und Tauchgangsführung gesehen habe, hat mir fast den Atem verschlagen: Spindeldürre, seekranke und entsprechend grüngesichtige Tauchschüler, sichtbar unterkühlt (auch in Florida kann das Wasser kalt sein, Dank seien den 7 mm Neopren) und nicht mehr in der Lage, die Flasche zu wechseln oder den Bleigurt hochzuheben, werden vom Tauchlehrer in Gruppen zu 15 Stück einfach auf 10 m versenkt.

Der Tauchlehrer war natürlich der Letzte, der abtauchte. Ein Strömungstauchgang mit PADI-Tauchlehrer wurde von zwei Tauchschülern angeführt und wir waren immer nur damit beschäftigt, sie nicht zu verlieren (gemeinsam mit dem Tauchlehrer). Aufstiegsgeschwindigkeiten und Dekopausen werden nicht eingehalten und so mancher Tauchlehrer kennt die Unterwasserzeichen nicht.

Einige allgemeine Angaben will ich nicht schuldig bleiben: Auf den Keys werden immer zwei Tauchgänge gemacht, denn oft sind die Anfahrtszeiten mit dem Boot lang. Der Doppeltauchgang (inkl. Flasche und Luft) kostet zwischen 35 und 40 US$ (ca. 60 DM), Sonderfahrten zu Wracks oder Nachttauchgänge kosten extra. Auf alle Kosten kommt 14% Tax dazu; Preisverhandlungen bei Tauchpaketen und Preisvergleiche lohnen sich also!

Aber das ist Kritik, und die ist in diesem Land nicht zulässig! Nach dem Tauchgang ist immer alles "super", "amazing", "great", "wonderful" und "so nice" und auch wir hatten natürlich immer nur "big fun".

Lukas Rüttiger