Frühling an der Côte d'Azur - Tauchen am Cap du Dramont - Ile d'Or
9. Mai 1995 von Armin Dahl
Wenn's im April draußen immer noch nieselt, das Sparkonto ausnahmsweise im Plus steht und außerdem ein paar Feiertage aufeinanderfolgen, mit anderen Worten, wenn einem in der Vorsaison mal wieder so richtig das Fell juckt, setzt man sich hinters Steuer, stellt den Kompass ziemlich genau auf Süd-Südwest ein, dreht den Zündschlüssel um und 12 Stunden später sitzt mensch mit dem Pastis-Glas in der Hand unter Palmen im Strandcafé, leichte Schweißperlen auf der Stirn von der starken Sonne oder dem Anblick der braungebrannten Urbevölkerung, so richtig toll Urlaub halt.
So jedenfalls war's geplant.
Die ersten Zweifel beschleichen den Fahrer schon in der Provence: Komisch - wieso sind denn hier noch keine Blätter an den Bäumen, so richtig warm ist's hier aber auch nicht. Naja, gucken wir halt noch die Verdonschlucht an, wie sieht's denn hier aus. Aha. Das Hochwasser vom letzten Herbst, tausende von Bäumen liegen wie Streichhölzer im Flussbett herum. Also flott ans Meer, damals vor 20 Jahren waren wir auf einem genialen Campingplatz direkt am Meer, Le Dramont oder so, Vierwochengluthitze, wenn wir da mit dem Hund reinkämen wär's prima, also los!
Zwei Stunden später steht das Zelt am genialsten aller Plätze, 20m vom Wasser weg, unter Pinien. Tauchbasis und Füllstation liegen direkt auf dem Zeltplatz, der Hund muss für's Campen nix bezahlen, das Meer ist glatt wie ein Spiegel. Rund um die kleine Insel mit dem großen Turm liegen die Tauchboote, ein leichter Neoprenduft liegt in der Luft, der Campingplatz hängt voller Gummiteile, hier sind wir richtig! Kutti geht erst mal zwei Flaschen Rosé kaufen, während der Lurch von der Tauchbasis die mitgebrachten Flaschen volldrückt. Soll'n wir direkt noch einen Tauchgang machen? Ach was, keine Hektik, morgen früh erst mal gemütlich vom Land aus, hastdudenkorkenzieher? Nachts trommelt es erst leise, dann unüberhörbar auf's Zeltdach, ordentlich blasen tut's auch noch, der Hund im Vorzelt ist klatschnass geworden und drängelt sich unauffällig zwischen die Schlafsäcke. Naja, so schlimm wird's schon nicht werden, wir sind schließlich in Südfrankreich.

Drei Tage später. Nach einer halben Woche Dauerschiff und Sturm mit Windstärke 8 haben wir die Nase ordentlich voll. Tauchausfahrt war nix wegen Sturm und Wellengang, die Sicht unter Wasser wie in der Erzgrube, aus dem Hinterland wälzen sich immer noch braune Fluten in die Bucht, auf den Landstraßen heben sich die Kanaldeckel vom Sturzregen. Vor dem genialsten aller Zeltplätze befindet sich eine riesige Schweinesuhle, in der Mambo-Bar sitzen nur noch besoffene Holländer mit Gummistiefeln herum. Man kann ja auch nicht jeden Tag aus Frust die 100 Kilometer nach Monaco fahren und im Museum die Zeit totschlagen, derweil die Zeitung für Deutschland konstant Biergartenwetter mit 22°C meldet. Kutti geht also bezahlen. Armin baut das Zelt ab. Als der erste Nagel mit Schlürfgeräusch aus dem Boden 'rausflutscht, ha!, ein blauer Fleck am Himmel, aber davon lassen wir uns jetzt nicht mehr verarschen, lieber machen wir Urlaub in Balkonien, also Abfahrt. Naja, die kleine Schlucht da können wir vielleicht noch mitnehmen, überhaupt gibt's da (und nur da) noch so eine seltene Schneckenart. Leider ist die Durchfahrt wegen wegschwemmter Straße gesperrt. Auch in der nächsten Schlucht ist Sackgasse, weil der Col de Soundso wegen Schnee dicht ist. Wenigstens die Schnecke ist im Gläschen. Also Zeltplatz suchen, wenn's auch immer noch regnet, in einer Tour kommen wir sowieso nicht mehr bis nach Hause, lieber verfressen wir unser Geld.
Morgens ist strahlendblauer Himmel, auf den umliegenden Hügelchen liegt frischer Schnee, die Luft schmeckt wieder leicht nach Urlaub. Nach kurzem Zögern eigentlich sind wir ja konsequent, aber wird der Bug des Dieselpackesels wieder herumgedreht, woll'n wir doch mal sehen, eine Woche haben wir ja noch! Vier Stunden später steht das Zelt wieder direkt am Meer, 50m neben der Schweinesuhle, Kutti ist Rosé kaufen, der Lurch füllt wieder die Flaschen. Genauso hab ich mir's vorgestellt, endlich mal ein richtiger Sonnenuntergang, das Meer liegt wie ein Spiegel da. Nachts trommelt es wieder aufs Zelt, der beste Freund des Menschen stinkt wie ein nasser Fuchs, hat sich mittlerweile aber einen festen Platz am Fußende erkämpft.
Anderntags endlich Bootsausfahrt! Der Tauchanzug, der schon völlig verschrumpelt in der Tasche lag (war der eigentlich letztes Jahr auch schon so eng?) wird übergezerrt, die Sonne scheint so halbwegs. Im Sommer soll es hier 26°C Wassertemperatur und endlose Unterwassersicht haben, im Moment ist davon nichts zu sehen, das Meer immer noch aufgewühlt, bei 14°C hätte man vielleicht doch den Trockenen mitnehmen sollen. Die Nußschale ankert nach einigem Suchen, Freiwasserabstieg, der Anker liegt auf 23m, fast wie an der Jura. Die Gattin guckt etwas überrascht, der Tauchgruppe aus Clausthal-Zellerfeld scheint das alles nichts auszumachen, also cool bleiben und hinein ins Vergnügen, schließlich sind wir deswegen ja hergekommen. Runter am Ankerseil, alles OK und dann nicht zu fassen, ein irrsinniger Tauchplatz! Steiles, im Freiwasser stehendes Felsriff zwischen 18 und 45m, von oben bis unten bewachsen mit gelben und tiefvioletten Gorgonien, Fahnenbarschschwarm wie in Dahab, Langusten, Schwämme und das ganze bunte Kleinzeugs. Einmal rund um den Felsen, schon neigt sich der Fini bedenklich nach links, der Computer verlangt Dekostopp in 3m, beim nächsten Mal bringe ich hier garantiert die 15er Flasche mit statt der 10er, viel zu kurz ist sonst das Vergnügen. Die blauen Gorgonien waren also doch rot, man muss nur die Lampe einschalten, die kleinen Roten in den Höhlen an der Decke, sind das wirklich echte Korallen? Stark!
Tage später. Der Dieselpackesel ist bereits herumgedreht, die Ile d'Or liegt im Rückspiegel, im Logbuch sind einige engbeschriebene Seiten dazugekommen. Der abschließende Tauchgang rund um die Ile d'Or war fast der schönste, wenn auch die Oberschenkel noch etwas spannen. Mittlerweile ist der 1. Mai, die Côte d'Azur sieht jetzt endlich so aus wie sie soll, das Meer schön blau, die Schiffchen weiß, die Ureinwohnmenschen lecker braun, langsam macht sich Gluthitze breit. Hier kommen wir sicher nochmal zum Tauchen vorbei, allerdings niemals wieder in einem Monat mit "R", wegen möglichem Sauwetter. Oder vielleicht doch schon wieder im September?
Anfahrt und Orientierung:
Eilige brummen über die Schweiz (Autobahn Zürich - Genf - Grenoble), von da per Landstraße nach Sisteron, weiter über die A 51 bis Manosque, Landstraße bis St. Maximin und über die A 8 nach Fréjus (ca. 900 Kilometer). Weniger Eilige fahren noch durch die Verdonschlucht oder schauen den Montagne St. Victoire bei Aix an, den ein gewisser Cézanne unsinnig oft von allen Seiten gemalt hat. Topographische Karten gibt's an jedem größeren Supermarkt, für Kurztrips ausreichend ist die 1:200.000er Michelin-Karte Nr. 245 (Provence-Côte d'Azur), die von der Küste bis zum Col de la Croix Haute reicht.
Campen:
"Le Campéole" Camping international du Dramont, östlich von St. Raphaël, etwa in der Mitte zwischen St. Tropez und Cannes. Meines Wissens der einzige Campingplatz in der Gegend, von dem aus man direkt zum Tauchen gehen kann, ohne die Hauptstraße zu überqueren. 2 Personen, Zelt, Auto (und Hund), 92 Francs/Nacht, etwa soviel wie in Überlingen. Im Hinterland geht's sicher noch erheblich günstiger, aber was soll's. Im Hochsommer muss auf jeden Fall länger vorgebucht werden, da der Platz dann knüppelvoll ist. Beste Reisezeit ist Mai-Juni (siehe auch oben), bevor der gemeine Franzose, Deutsche oder Holländer Urlaub hat. Im Hochsommer ist es dort gnadenlos heiß, die Vegetation völlig verbrannt, außerdem ist touristisch die Hölle los.
Tauchen:
Überall an der Küste wird wie verrückt getaucht, in jedem kleineren und größeren Hafen gibt's mindestens eine Tauchbasis, an etlichen (Tank-)Stellen Pressluft, Harpunen und was man sonst so braucht in Fronkraisch. Halbtags-Bootsausfahrten ab 110,- Francs, umgerechnet 35,- DM, Flaschenfüllungen kosten etwa 75 Pfennige/Liter. Am berühmtesten sind natürlich die großen Wracks der Kriegsschiffe, U-Boote und Flugzeuge (Donator, Le Rubis etc.) direkt vor der Küste, die von den größeren Schiffen angefahren werden. Erwähnenswert auch noch die (angeblich ziemlich ramponierte) Miniatur-Unterwasserstadt direkt am Cap du Dramont, in der Cousteau irgendeinen Film gedreht hat. Direkt vor der Insel geht's zügig abwärts, dort liegt eine der tiefsten Stellen im Mittelmeer. Etwa 500m vor der Küste bricht die "Mauer" auf über 80m ab, schon 5 km vor der Küste werden weit über 1000 m Wassertiefe erreicht.

Ausfahrten mit der Campingplatz-Tauchbasis kann ich nur eingeschränkt empfehlen (eine weitere unendliche Geschichte), zum Flaschenfüllen ist sie auf jeden Fall prima. König ist, wer sein eigenes Schlauchboot mitbringt! Die Fels-"Riffe" am Cap du Dramont liegen für trainierte Strampler fast alle in Schnorchelentfernung zum Ufer, allerdings ist davon wegen der Unfallgefahr abzuraten (Bootsverkehr, zur Not Boje mitnehmen). Ein wunderschöner Tauchgang führt einen in 1½ Stunden rund um die Ile d'Or, die 200m vor dem Port de Poussaï, direkt neben dem Campingplatz, liegt. Für Ausbildungszwecke ist die 15m flache Seegraswiesen-Bucht zwischen Campingplatz und Insel ideal. Nachttauchgänge vom Strand oder Boot sind kein Problem, in Frankreich macht sowieso jeder, was er will. Wer sich weiter hinauswagt, sollte unbedingt mindestens eine 12er Flasche dabei haben, die guten Gorgonienwände liegen immer unterhalb 15m.
Biologisches:
Unbedingt den "Riedel" und den Mittelmeer-Führer von Helmut Göthel einpacken! Allerdings kann man vorher getrost die Seiten mit den größeren Fischen herausreißen, da vor der Küste immer noch ausgiebigst harpuniert und mit Netzen gefischt wird. Regelmäßig zu sehen gab's im April 1995 größere Tintenfische (Sepia, Oktopus, Loligo), an dem Wrack vor dem Hafen von Agay sollen sich in alten Munitionshülsen viele Conger und Muränen herumtreiben. Bereits oberhalb von 10m Wassertiefe sind in Überhängen und Höhlen Krustenanemonen und echte Korallen zu sehen, fantastischen Gorgonienbewuchs gibt's überall unterhalb von 20m, besonders an exponierten (Strömungs-)Punkten. Zur angeblichen "Killeralge" Caulerpa: Im Hafen von Agay war kleinfleckig Caulerpa taxifolia in hüfttiefem Wasser zu finden, in der riesigen Seegraswiese am Cap du Dramont ist mir nichts aufgefallen.
An Land ist im April beste Orchideenzeit, in den Straßengräben blühen die feinsten Sachen. Unter jedem Holzstück sitzt ein Skorpion, auf dem Zeltplatz pfeift nachts die Zwergohreule.
Ausflüge:
Pflicht-Fußweg hinauf zum Marine-Stützpunkt am Cap du Dramont (162m ü. NN, vom Zeltplatz eine halbe Stunde), von da aus phantastischer Ausblick über die gesamte "Corniche d'Or" und die Küste bei Fréjus. Das kleine Estérel-"Gebirge" im Hinterland des Cap du Dramont ist für Südfrankreich etwas untypisch, da im Untergrund offensichtlich kalkfrei (wichtiges Kennzeichen: Korkeichenwälder). Hier kann geritten, gemountainbiked und sonstwie herumgestrolcht werden. Direkt neben dem Campingplatz liegt der "Plage du Débarquement" mit großem Denkmal, dort sind im August 1944 die Amerikaner in Frankreich gelandet (Großer Heldenfriedhof in St. Raphaël). Für Ornithologen und biologisch interessiertes Fußvolk ist das Naturschutzgebiet Etang de Villepey an der Flussmündung südlich von Fréjus interessant (ca. 15 km Entfernung). Zum Schlechtwetter-Pflichtprogramm gehört das Aquarium (eingerichtet vom berühmten Herrn Cousteau, wirklich gut!) und Ozeanographische Museum in Monaco (tolle Sammlung von Prinz Albert II). Die Küstenstraße dorthin ist wunderschön, allerdings nur in verkehrsarmen Zeiten zu empfehlen (also praktisch nie).