ein Bericht von Michael Haager (2019)

Aus unserer beliebten Reihe „Soll man da tauchen?“ beantworten wir heute die Frage für Cadaques. Das liegt bekanntlich an der Costa Brava, in Spanien oder Katalonien, je nach politischer Überzeugung. Egal wie man zu Herrn Puigdemon steht, man fährt rund 1.250 km oder so bis da hin. Wer trotz den Aufrufen seiner freitags schwänzenden Kinder den Flieger nehmen will, kann nach Girona fliegen und dort ein Auto mieten. Auf die Idee, in Cadaques zu tauchen, kann man kommen, da die Gewässer rund um das Cap de Creus für ihre Unterwasserwelt recht bekannt sind. Das Cap de Creus ist die östlichste Klippe des spanischen (oder katalonischen) Festlands und liegt zwischen Roses und der französischen Grenze. Um nach Cadaques zu kommen, muss man hinter Roses über eine kurvenreiche Straße über den Berg fahren. Das hat den Vorteil, dass man den Touristenrummel der Costa Brava hinter sich lässt, obwohl der sowieso erst Richtung Süden wirklich anfängt.
Cadaques selbst ist sehr idyllisch gelegen und besteht neben einer eher kleinen Altstadt aus allerhand Ferienwohnungsinfrastruktur, die sich aber nicht optisch aufdrängt. Ähnlich wie St. Tropez lebt auch Cadaques vom Ruf vergangener Zeiten, der hier nicht zuletzt von Salvador Dalí befeuert wurde. Dalí stammte aus Cadaques und hat hier auch die meiste Zeit seines Lebens verbracht. Sein Haus kann man im Ortsteil Port Lligat besichtigen, sein berühmtes und vorbehaltlos sehenswertes Teatro Museo ist nicht weit entfernt in Figueres.
Unverschämte Preise, gealterter Jetset und Neureichenyachten mit farbiger Unterwasserbeleuchtung sind Cadaques erspart geblieben. Der Hafen ist auch zu klein und nicht tief genug. Wer genau hinsieht, trifft vielleicht noch eine ältere Person, die es um 1969 nicht bis Torremolinos geschafft hat und deshalb seit damals Silberschmuck verkauft und standhaft der Versuchung widersteht, ihre Wohnung an Airbnb zu geben. Man kann hier ganz gut essen, vor allem in den Strandbars, und das abendliche Leben auf der Promenade genießen. Unterkünfte gibt es in fast allen Preislagen über die gängigen Portale.
Wer Kinder mit hat, wird bemerken, dass die großen Supermärkte in Roses und Richtung Figueres liegen, man da also ab und zu über den Berg muss, wenn die Cornflakes alle sind. Hat aber den Vorteil, dass an der Straße mit den großen Supermärkten auch Decathlon und McDonalds sind. Man kann den von der Kurvenfahrt seekranken Mitfahrern also durch BigMac und einen neuen Fußball Trost spenden. Grundbedarf gibt es aber auch in Cadaques. Fischladen unterhalb der Kirche am Wasser. Wer wegen der Kinder oder den nichttauchenden Gattïnnen mindestens 2 km Sandstrand braucht, darf nicht hierher kommen. Sand ist Mangelware, Badeschuhe in den Badebuchten Pflicht. Es gibt übrigens Badeschuhe bei Decathlon (siehe oben).Von daher soll man in Cadaques schon tauchen.
Die Unterwasserwelt ist typisches Mittelmeer, wie man es auch aus Elba oder Hyère kennt. Mit dem Unterschied, dass es wegen der weniger geschützten Lage mehr Strömung und damit zum Beispiel mehr Gorgonien gibt. Das Schutzgebiet um das Cap bringt auch nennenswerte Mengen an Zackenbarschen und Barrakudas mit sich. Es soll sich auch mal ein Adlerrochen von den Islas Medas her verirrt haben. Also auch aus dem Grund soll man hier tauchen.
Dass man hier tauchen soll, wusste selbst die Tübinger Feuerwehr, die schon vor Jahrzehnten hier für den Neckar geübt hat. Damit sie das konnte, brauchte sie eine Tauchbasis. Und die gibt er hier schon seit 1975, damals gegründet von Ulla und Paul Bräutigam. Die Bräutigams waren hier an der Costa Brava ebenso Pioniere wie die Briten, die 1965 in L‘Estartit Unidive gegründet haben.
Die Basis gibt es heute noch, Claas Bräutigam, der Sohn von Ulla und Paul, führt sie mit seiner Frau Julia, hat sie aber umbenannt in Diving Cap der Creus (divingcapdecreus.com). Man kann auch direkt über der Basis wohnen, sehr praktisch, wenn man kurze Wege liebt und den Neopren gerne gleich noch am Frühstückstisch anziehen möchte.
Und ob man da nun wirklich tauchen soll, damit tue ich mich schwer. Vor drei Jahren hatte Claas noch Oscar, ein Spanier aus der Gegend, als Skipper auf dem Boot, ein RIB, gut für acht oder auch zehn Taucher. Oscar habe was Eigenes machen wollen, sagte Claas und fährt sein neues Boot, jetzt blau statt rot, nun selbst. Weil auf der Basis aber jemand die Aufsicht über die jungen Assistenten führen muss, macht das nun Julia, die zuvor die Familienkasse durch eine andere berufliche Tätigkeit ergänzt hatte. Ob es an dieser Umstrukturierung lag oder nicht, wir hatten zuletzt (September 2018) den Eindruck, dass man hier das Lustprinzip verfolgt und spontan auch mal keinen Bock hat, mit dem Boot rauszufahren, lohnt sich ja auch nicht, wenn nur zwei oder drei Leute mitfahren wollen. Man hat schließlich auch noch die hauseigene Bucht (Bofill) und die andere Bucht in Gehweite (Oliguera). Der erfahrene Taucher kennt die aber nach ein paar Tagen. Immerhin, man kann dort unkompliziert Nachttauchgänge auf eigene Faust machen, in der Oliguera schnorchelt es sich auch des nachts ganz hervorragend. Man kennt die Topographie des Tauchplatzes dann ja auch, nicht nur die Fische. Es bleibt dennoch der Eindruck, dass Claas und Julia die Basis eher für friends and family betreiben.
Viele Basen haben ja einen Kundenstamm, wo der Übergang von Stammkunden zum Dauergast zum Assistenten fließend ist. Aber irgendwer muss ja auch den Sprit für das Boot zahlen. Und die Rechnung für den Mechaniker, der den Kompressor dann nach Tagen wieder zum Laufen gebracht hatte. Was auch die schlechte Laune des Chefs erklären mochte. Denn ohne Kompressor muss man die Flaschen nach Roses zum Füllen fahren (siehe oben unter kurvenreiche Straße). Jedenfalls hat man von Basenchefs auch schon gehört, die Gäste könnten ja nichts dafür, wenn gerade nur wenige Taucher da sind. Wer tauchen will, wird gefahren, für die Mischkalkulation ist die Basis zuständig. Nun denn. Das war anderswo.
Für einen Tauchunfall, der vielleicht auch nur ein Unfall beim Tauchen war, konnte die Basis nichts, es war auch gerade geschlossen. Dass aber kein Sauerstoff an der Basis ist, oder die Assis bloß nicht wissen, wo er sich versteckt, der Wenoll-Koffer, das lässt einen Nachgeschmack.
Daher lässt sich die Frage, soll man in Cadaques tauchen, wie folgt beantworten: Wegen der Ortes ja, wegen der Fische ja, wegen der Basis nein.
Michael Haager