Mai 1991 von Uli Hornung

Wir schreiben das Jahr 1990 n. Chr. Ganz Spanien ist von deutschen Sporttauchern besetzt. Ganz Spanien? Nein, denn ein kleines Fischerdorf an der Costa Brava mit seinen unbeugsamen Iberern widersetzt sich standhaft dem Massentourismus. Und das Leben in den umgebenden Touristenhochburgen Calella und Estartit ist nicht leicht...

Wer dem Trubel der großen Taucherstädte entgehen möchte und stattdessen einen ruhigen Urlaub in einem verträumten Küstendorf sucht, der liegt mit Tamariu genau richtig. Der 5 Kilometer von Palafrugell gelegene Ort besteht aus ein paar Dutzend Häusern, einem Campingplatz, einigen Läden und Restaurants, einer Tauchbasis und einem Badestrand, der inmitten einer idyllischen Bucht gelegen ist.

Die Basis wird seit Jahren von Stolli, Manni und Norbert geleitet. Von der Basis zum Anlegesteg sind es keine 50 m. Der Einstieg zum Hausriff ist ebenfalls zu Fuß zu erreichen. Es eignet sich besonders für Anfänger und für beschauliche Tauchgänge vom Land aus. Mit dem Motorsegler "Gabriela" fährt die Crew täglich mehrmals meerwärts zu den vorgelagerten Riffen: Cala de Nova, Es Furio, Begur Riff, zum Wrack u. a.

Am Ankerseil gleitet man hinab bis auf 10-20 m und bestaunt sogleich den üppigen Gorgonienbewuchs, Riffwände, die über und über mit Krustenanemonen besetzt sind und große, gelbe Fingerschwämme, um die sich Fahnenbarsche tummeln. Die stark zerklüfteten Felsspalten fallen in der Regel bis auf 40 m Tiefe zum Sandgrund hin ab. Conger, Muränen, Zackenbarsche, Brassenschwärme, Drachenköpfe und Langusten prägen die Großtierfauna in den verschiedenen Tauchrevieren. Gar nicht allzu selten begegnet man in der ersten Sommerhälfte den großen Mondfischen, die träge durch das lichtdurchflutete Blau ziehen. Einige Höhlen lassen auch die Grottenolme unter den Tauchern auf ihre Kosten kommen.

Wie immer sollte man beim Tauchen im Mittelmeer sein Augenmerk auf die Welt im Kleinen richten. Knapp über den Felsen huscht eine Vielzahl von Lippfischen dahin, die sich durch ihre Farbenpracht und ihre eigentümlichen Schwimmbewegungen von den anderen Fischen abheben. Schaut man ihnen aufs Maul, so wird klar, woher ihr Name stammt. Aus Felsplatten lugen Schleimfische und Kraken hervor. Zu den besonderen Schönheiten gehören die häufig zu sehenden Schraubensabellen, eine festsitzende Wurmart, deren Tentakelkranz wie langes Haar im Rhythmus des Wassers schwingt. Schon am frühen Abend – Nachttauchgänge sind in Spanien immer noch verboten – kann man beobachten, wie Sepien ihre Verstecke im Sand verlassen, um auf Beutefang zu gehen.

Neben der reizvollen Unterwasserwelt lockt ebenso das urige Hinterland von Tamariu. Kleine Orte wie Begur, Palau Sator, Peratallada u. a. lassen einen erahnen, wie es in der Region während des Mittelalters ausgesehen haben mag. In Ullastret wurden die Reste einer iberischen Siedlung aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. ausgegeben.

Nur eine Autostunde entfernt liegt das Dorf Figueres, das durch das Museum von Salvador Dalí bekannt wurde. Die Ruinen einer aus vorchristlicher Zeit stammenden griechischen Siedlung lohnen den Ausflug nach Empuries. Wer mehr von Land und Leuten mitbekommen möchte, sollte sich auf keinen Fall den Besuch eines Fischmarktes (z. B. Palamós) entgehen lassen. Dort lernt man neuartige Meerestiere kennen und kann in den Alltag der Fischer hineinriechen.

In Tamariu sind Bestrebungen im Gange, die Tauchgebiete vor der Küste zu Unterwasser-Naturschutzgebieten erklären zu lassen. Zur Zeit sieht man leider immer noch harpunierende Schnorchler vom Strand und vom Boot aus auf ihre unfaire Jagd gehen. Hoffentlich führen weder sie noch ein Übermaß an Tauchern dazu, dass Tamariu und seine Riffe ihren Charme und ihre Ruhe verlieren.