August 1994 von Harald Gross

Wenn man nur tauchen will, lohnt sich der weite Flug in eines der reichsten Länder Südamerikas nicht.

Falls man aber die höchsten Wasserfälle der Welt, die geheimnisvollen Dschungelgebiete des Amazonas, die weiten Steppen der Gran Sabana oder auf 5000 m Höhe in den Anden Schnee in der Regenzeit sehen möchte, sollte man sich unter keinen Umständen die tropischen Gewässer entgehen lassen. Noch lassen die Mangrovenwälder, die Korallenriffe, die unterseeischen Höhlen und eine überaus reiche Unterwasserfauna karibische Träume wahr werden.

Im viertgrößten Land der Erde, was den Erdölexport angeht, ist Umweltschutz für viele leider noch ein Fremdwort. Selbst in den Nationalparks kann ein Motorenölwechsel über dem Korallenriff Wut und vielleicht Tränen bei naturbegeisterten Tauchern auslösen. Doch gibt es auch die fast unberührten Unterwasserparadiese, die dem Roten Meer Konkurrenz zu machen scheinen.

Eines der schönsten Tauchgebiete im Westen des Landes findet man im Nationalpark Morrocoy. Dort werden Tauchausfahrten von den am Karibischen Meer liegenden Kleinstädten Chichiriviche und Tucacas per Kleinboot auf die vorgelagerten Inseln angeboten. In der Ruhepause zwischen den Tauchgängen wünscht man sich an deren weißen Sandstränden unter Palmen, die Zeit anhalten zu können. Unglücklicherweise können die Kleinstädte, in denen man zumindest übernachten muss, fast die ganze Vorfreude auf das Tauchen verderben, da sie zu so gut wie nichts einladen.

Wesentlich wohnlicher mit fast familiärem Ambiente stellt sich das Fischerdorf Mochima im gleichnamigen Nationalpark dar. Die Tauchausrüstung, das Fischerboot mit Führer und die Flaschenfüllung kann nur privat organisiert werden, wobei das Ganze wesentlich billiger wird. Für etwas mehr Geld bieten unzählige Tauchbasen von Puerto La Cruz die weite Fahrt mit Schnellbooten zum Nationalpark Mochima an. Ortskenntnisse, insbesondere unter Wasser, sind aber normalerweise nur von den Fischern in Mochima zu erwarten. Bei den etwa fünfzig Tauchzielen, die direkt vor Puerto La Cruz liegen, muss eher mit Mittelmeerverhältnissen gerechnet werden. Vielleicht trägt die Großstadt, die den größten Erdölhafen Venezuelas betreibt, ein wenig dazu bei. Für ein interessantes Nachtleben sorgen als Ausgleich unzählige Bars, Cafés und Restaurants, die dank Tourismus aus dem Boden gestampft wurden.

Ein sehr schönes Tauchgebiet, welches für Tagestouren angeflogen wird, sollen die Inseln Los Roques sein. Man muss dort für einen achtstündigen Aufenthalt ca. 200 $ US (Stand: Aug. '94) locker machen. Mit guten Beziehungen zu den Einheimischen sollen auch billige Schlafmöglichkeiten vorhanden sein, sodass der durchschnittliche Preis pro Aufenthaltstag sinkt. Ansonsten bleibt nichts anderes übrig, als ca. 150 $ US für eine Übernachtung in den im Allgemeinen ausgebuchten, wenigen Hotels der Hauptinsel zu bezahlen. Das Ganze setzt voraus, dass man eine behördliche Genehmigung für einen mehrtägigen Aufenthalt ergattert hat. Als letzte Hürde muss das Tauchen auch hier privat organisiert werden, oder es kostet sehr, sehr viel Geld.

Für die anderen Tauchgebiete darf man für eine Tagesexkursion, die zwei Tauchgänge, die Bootsausfahrt, die Ausrüstung und ein Mittagessen britischer Qualität beinhaltet, mit 45–60 $ US rechnen. Die meisten Tauchbasen befinden sich fest in amerikanischer Hand, sodass Rechnungen problemlos bezahlt werden können. Meistens sind diese Tauchbasen auch gut mit Ersatzteilen bestückt.

Auf der Insel Margarita, die das beliebteste Ziel des deutschen Pauschaltouristen in Venezuela ist, gibt es mehr Tauchbasen als Tauchziele. Dies soll im umgekehrten Verhältnis zur Schönheit der Unterwasserwelt stehen, laut Aussage der Taucher, die von den Korallen im Nationalpark Morrocoy begeistert waren.

Für genauere Auskünfte über Venezuela stehe ich Euch gerne zur Verfügung.

Harald Gross