25. September 1995

Wenn im September der gemeine Franzose wieder schaffen muss, die holländischen Wohnwagenbesitzer und der deutsche Multifunktions-Abenteuertourist (Gleitschirm im Kofferraum, Surfbrett auf dem Dach, Mountainbike an der Hintertür) von den Straßen verschwunden sind, wenn der erste Tiefausläufer das Mittelmeer umgerührt hat, wird der alte Halbtrockene wieder hervorgekramt, die Luft aus der Flasche gelassen - und nichts wie ab nach Hyères.

Eine Woche Wrack- und Strömungstauchen vom Schiff steht aus, mit einer 9-köpfigen WLT-Truppe: seit Monaten muss ich mir schon die wildesten Storys über finstere U-Boot-Gänge, Mega-Conger und endlose Dekozeiten anhören. Schon am nächtlichen Treffpunkt in Tuttlingen packen auch die Mittaucher tief in die Klamottenkiste, mindestens die Hälfte aller abgedroschenen Taucherschoten werden erzählt, das kann ja heiter werden. Der Rest der Truppe kennt sich wohl schon länger, im Sprücheklopfen sind sie jedenfalls großartig. Wieder mal eine ganze Nacht im Auto sitzen, die eigene Karre ist ja kurz vor der Abfahrt verreckt, so müssen die anderen fahren. Sechs Personen mit vollem Gerödel in einem Kleinbus, drei Fingerbreit Platz zwischen dem Schmutzfänger am Hinterrad und der Straße, das Geschaukel ist der erste Vorgeschmack aufs Schiff.

Morgens am Col de la Croix Haute einen schnellen Milchkaffee, und schon flitzen die ersten Palmen am Fenster vorbei. Nach einigem Suchen ist die MS Frederick im Hafen von Hyères gefunden, die Besatzung ist am Schiffputzen. Der Kapitän in breitestem Schwäbisch: "Noi, i han gsagt, ersch um sechse aufm Schiff, ganget derweil kaffeedrinke". Das schon wieder! Draußen steht ein sechser Wind mit ordentlich Schaumkronen, die Fähre nach Port-Cros stampft mühsam aus dem Hafen, Franz' mitgebrachter Lenkdrachen zerschellt auf der Mole. Vielleicht hätte ich ja doch was gegen Seekrankheit mitnehmen sollen. Die erste Nacht bleiben wir zum Glück im Hafen.

Abends nach dem Einladen Begrüßungscocktail, wider Erwarten passen doch sechs Personen mit Gepäck in die Heckkabine. Das nächtliche Pfeifkonzert in den Takelagen der Segelyachten übertönt die Schnarcher im Stockbett rechts von mir. Der erste Tauchtag: Rolf als Kapitän hat die Logbücher gecheckt, mit Rückenwind laufen wir aus. Das Meer ist halbwegs ruhig, einige haben allerdings schon ihre Ration Pillen (gegen die Rückkehr des Frühstücks) intus. Mit den zwei Kompressoren an Bord ist das Füllen in einer halben Stunde erledigt, beim ersten Mal gibt es beim Anrödeln noch ein ziemliches Gewusel auf dem Vordeck.

Als Einstieg gibt es ein schönes Felsriff im Nationalpark um die Île de Port-Cros, das Schiff liegt wieder ruhig vor Anker. Also die Maske aufs Gesicht gedrückt und rückwärts über Bord. Strömung? Fehlanzeige! Den Trockenen habe ich umsonst mitgeschleppt, das Thermometer zeigt in 30m Tiefe immer noch 21 °C an. Super Sichtweite, von unten ist das Schiff noch gut zu erkennen. Eine große Stachelmakrele pfeift vorbei, noch eine, die Mönchsfische und Fahnenbarsche spritzen auseinander. Großfische gibt's hier also auch, der Zacki dort hat sicher Armeslänge.

Die Stimmung an Bord ist prima, die mitgereisten Südwürttemberger und Leihschwaben haben sich wacker gehalten, Bodensee-Erfahrung (mit 3 e) macht sich bezahlt. Die üblichen Witzchen, weil die mit dem neuen Aladin im nächsten Vierteljahr wieder keinen Flug buchen dürfen, haha. Abends Lagebesprechung, morgen früh wird's ernst: es geht auf die Donator, die Schraube liegt bei 52m, eventuell starke Strömung. Also wird der Wrackkatalog gewälzt, alle prägen sich das Schiff nochmal ein, die Spannung steigt.

Das Übernachten auf dem Sonnendeck wird bei dem böigen Wind etwas ungemütlich, mit einer Extraration Rosé lassen sich die Schnarcher in der Heckkabine dann doch ertragen. Am Morgen Hektik: Nach dem Frühstück Anker auf, sofort rein ins Neopren, bald sitzen alle aufgerödelt, aber leicht außer Atem auf der Bordwand, Rolf als Käpt'n peilt schon nach Landmarken. Als das Wrack im Echolot auftaucht, flitzen Paul und das Bojengewicht gleichzeitig über Bord. Mit dem möchte ich jetzt nicht tauschen. Nach 5 Minuten ist er wieder oben: "Seil ist am Bug fest, leichte Strömung". Nun denn! Eine Gruppe nach der anderen wird von Bord gescheucht, strampelt durch die Wellen zur Boje und verschwindet in der Tiefe. Rolf kommt von der Brücke: "Seid ihr fertig?" Jetzt geht's richtig los! "Und ab!" Hand vors Gesicht, rückwärts fallen lassen, atmen nicht vergessen und dann die paar Meter bis zur Boje im Sprint: bis hierher alles glatt! Die Luftblasen der anderen kommen kerzengerade aus dem Blau unter uns hoch, also wirklich keine Strömung trotzdem, nur das Bojenseil nicht loslassen. "Bist Du fertig?" Na, dann also runter!

Ab 25m ist der ganze Riesenpott (ein algerischer Weinfrachter mit 78m Gesamtlänge) als Schatten zu sehen, wird größer und größer, fantastische Sicht! Die ersten kommen uns schon wieder am Seil entgegen, die Tube quietscht etwas, das gibt sich unten. Das Seil ist bei 45m an der Bordwand fest. Das Wrack ist ein Traum. Überall dichtester Gorgonienbewuchs, ein irrer Kleinfischschwarm ums ganze Schiff herum, dazwischen fette Zahnbrassen. Eigentlich wollte ich ja nicht in den Laderaum, aber bei einem solchen Scheunentor kann sich keiner zurückhalten, und Franz neben mir taucht vorschriftsmäßig und macht keine Zicken. Ein Blick auf die Konsole beendet das Vergnügen, schon ist Deko angesagt, außerdem hat die Strömung spürbar zugenommen. Also zurück ans mittlerweile ziemlich stramme Bojenseil. Als Chef der letzten Gruppe habe ich das zweifelhafte Vergnügen, das Seil wieder losbinden zu dürfen. Den Knoten lösen, dabei gut festhalten - und huuiii, geht's mit der Leine ab ins freie Wasser. Tarzan könnte es nicht besser. Oben hängen sie in der Strömung wie Fähnchen an der Leine, zuunterst der arme Kerl mit dem DC 11, und Paul, der war zweimal unten. Schnell noch eine kleine Übung, wozu habe ich mir schließlich die Signalboje gekauft. Leider hat die Schnur so ihre Tücken, will nicht sauber ablaufen, Luftmaschen waren das jedenfalls nicht. Zum Glück ist nur wenig Luft drin, sonst wäre die Dekopause jetzt schon rum. Kopf aus dem Wasser, wo ist das Schiff? Keine 30m vor uns, Rolf guckt von der Brücke: "Alles OK??" - "OK!!!"

Tage später. Schiffswracks, Felsriffe, U-Boot, Flugzeugwrack, die versprochenen Mega-Conger, eine Menge Dekotauchgänge und Tiefenmeter liegen ebenso hinter uns wie ein paar wunderschöne Ankerplätze in kleinen Buchten, mit Rosé auf dem Sonnendeck, Zikadenkonzert und so. Auch Landgang mit Eisessen und Postkartenschreiben gab's, überhaupt immer reichlich und gut zu essen und trinken, und von seekrank keine Spur. Sogar die Austern am letzten Abend haben alle überlebt. Im Tauchpass kleben zwei neue "Bäpper", den Trick mit den Luftmaschen hat mittlerweile auch jeder drauf. Mit dem Wetter haben wir es ganz gut erwischt. Nur am letzten Tag, die "Le Grec", musste wegen Windstärke 7 und wüstem Wellengang ausfallen. Aber was soll's, die liegt sicher noch eine Weile da, und zuhause hockt Kutti in einem Berg von Umzugskartons. Der Kleinbus schleift wieder fast am Boden, der Computer pfeift schon wieder, steigt in den Bergseemodus ein: Col de la Croix Haute, 1180m über dem Meer, 18 Stunden bis zur Entsättigung, also bis zum nächsten Mal!!


Anfahrt: Vignettenbesitzer: natürlich gehört es sich nicht, die Scheibe vor dem Aufkleben mit einem Labello-Stift einzureiben, aber was tut der Schwabe nicht alles für (oder gegen) 40 Fränkli! Also denkt an die, die nach Euch kommen. So geht's also zügig über die Schweiz (Autobahn Zürich - Genf - Grenoble), von da per Landstraße nach Sisteron, weiter über die A 51 über Aix - Toulon nach Hyères (ca. 900 Kilometer).

Das Gebiet: Vor Hyères liegen drei größere (Porquerolles, Port-Cros, Île du Levant) und etliche winzige Inselchen, die Reste der vor ca. 60 Mio. Jahren in Südfrankreich versunkenen Landmasse, zu der auch Korsika, Sardinien und das Esterel-Gebirge gehören. Auch die heutige Halbinsel Giens gehört dazu, die übrigens nicht immer mit dem Festland verbunden war: zuletzt 1811 wurde der Damm zum Festland weggespült.

Das Wasser vor Hyères kommt meistens mit einer Strömung aus der Hochsee-Region westlich von Korsika, ist sehr arm an Schadstoffen und Sediment. Deshalb ist die Sicht unter Wasser meistens ausgezeichnet, die Fauna reichhaltig. Trotz mittlerweile verschärfter Auflagen sind wegen der Harpunettis Großfische, Kraken etc. direkt an der Küste selten, oder erst in größerer Tiefe zu sehen. Zum Glück ist in größeren Küstenbereichen das Schlepp- und Grundnetzfischen verboten, an einigen Plätzen ist das Tauchen ganz verboten (wegen antiker Wracks, der Vizechef eines französischen Tauchverbandes sitzt zur Zeit wegen Amphorenhandels im Knast!). Der Nationalpark um Port-Cros reicht etliche hundert Meter ins Meer hinaus, große Teile der Île du Levant sind militärisches Sperrgebiet. In diesen Refugien ist die Fauna noch in vollem Umfang erhalten, hier gibt's auch mal einen Zackenbarsch schon im 15m-Bereich zu sehen. Die Posidonienwiesen im Küstenbereich und zwischen den Inseln sind riesig, Caulerpa taxifolia, die angebliche Killeralge, habe ich dort keine gesehen.

Eigentlicher Hit des Gebietes sind jedoch die Wracks aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die "besseren" (z. B. Donator, Le Grec, Le Rubis, Togo, Wildcat) liegen frei in der Strömung auf tiefem Sandgrund, da wagt sich kein Netzfischer und Harpunetti hin. Dort gibt's überall ausgewachsene Conger und Muränen, Langusten, Hummer, unzerstörten Gorgonienbewuchs auf den Schiffsteilen, Fischschwärme ohne Ende. Leider sind die Tauchgänge dort allzu kurz, wer Würmchen gucken will, taucht besser im flachen Wasser an der Felsküste. Auch dort ist einiges los, Korallen gibt's ab 10m Tiefe unter Steinen und Überhängen.

Schiff und Besatzung: Die MS Frederick ist ein hochseetaugliches Holzschiffchen von 20m Länge und 5m Breite, 10 Gästebetten lassen noch einiges an Platz. Kein reines Tauchschiff, dafür aber rustikal-gemütlich, mit Sonnendeck, großer Kombüse, zwei sogenannten Duschen und Riesenkühlschrank. Die zwei 140 PS Schiffsdiesel gehen auf eine gemeinsame Schraube, was das Manövrieren im Hafen und beim Absetzen bzw. Aufsammeln von Tauchgruppen etwas mühsam macht. Rolf managt das Schiff, seine strohblonde Frau Loni ist als Lustwart fürs Essen und Trinken zuständig und kennt mehr Blondinenwitze als ein gewisser Norbert K. aus R. Normalerweise ist dann noch ein Knecht fürs Tauchen und Flaschenfüllen dabei, den wir bei dieser Tour allerdings mitgebracht hatten. Gefahren wird ab 6 Gästen, die für die Dauer des Törns einen Mietvertrag für das Schiff unterschreiben. Gebucht wird in Pfullingen oder direkt bei Rolf. Die Woche Vollpensions-Tauchen (11 Tauchgänge) kostet normalerweise um die 1400,- DM, an der Côte d'Azur lebt sich's nicht eben billig. Kaffee und Tischwein gibt's umsonst. Hanuta, Bier und Schnäpse etc. gehen natürlich extra, Telefonie vom Schiff nach Deutschland auch! Das Essen war prima, auch sonst hat alles geklappt. Hoffentlich haben Loni und Rolf bald auch ihren Krach mit dem Ex-Kompagnon Franz beigelegt, der auf der Halbinsel Giens eine Basis betreibt. Da beide nicht wissen, wie die Sache weitergeht, werden am Schiff im Moment nur die notwendigsten Dinge repariert, was einem Holzschiff nicht gut tut. Neueste Infos kann man sich auf der "Boot" abholen, Rolf hat dort einen Stand.

Tauchen: Eigentlich hätten beim "Wrack- und Strömungstauchen" des WLT alle Teilnehmer schon vorher CMAS ** (Silber) haben sollen, die letzten Übungen waren dann jedoch auch an Bord flott erledigt. Allerdings gibt's vor Hyères dermaßen viel Wracks und gute Felsriffe zu sehen, dass bei entsprechender Planung der Fahrt auch Anfänger ihren Spaß haben können. Flaschenschleppen entfällt, alles ist an der Bordwand festgebunden und wird aus zwei Kompressoren mit Schläuchen gefüllt, an der Luft gab's nichts auszusetzen. Für die tiefen Wracks gilt als Minimum 14-Liter-Flasche. Zweitautomat und getrennte Abgänge sind Standard, Bodenseeausrüstung also. Als Tauchzeitbegrenzung gilt 1 Stunde (beim Nachmittagstauchgang schaut keiner auf die Uhr). Wer an den tieferen Wracks zu ankern versucht, ist selbst schuld, oder hat zuviel Geld: der Anker ist mit einiger Sicherheit verloren. Deshalb wird dort mit Bojengewichten getaucht, die jedesmal neu gesetzt werden müssen. Wenn der Kapitän es halbwegs im Griff hat, wirft er mit Hilfe des Echolotes das Gewicht immer knapp neben das Schiff, das schont den Bewuchs. Hilfreich ist ein bisschen Kondition und gute Flossentechnik, bei starker Strömung werden die 15m zwischen Bordwand und Bojenseil sonst zur endlosen Strampelei.

Mein Eindruck: Rolf als Skipper taucht selbst und hatte den Tauchbetrieb bei unserer Tour fest im Griff, scheute sich auch nicht, mal jemanden anzuscheißen, wenn was schiefgelaufen war. Im Gegensatz zu einigen französischen Schiffen, die Tauchen immer noch als Kampfsport betreiben, wird auf der Frederick auf der sicheren Seite getaucht, z.B. nie unter 60m! Dringend empfehlenswert ist komplettes Rettungsgeraffel (Strömungsboje, Notsignal, Pfeife, Aufstiegsflasche/Patrone etc.), bei hohem Seegang und Strömung kann das Einsammeln eines verlorenen Taucherleins (darf eigentlich nicht passieren!!) schon mal eine Weile dauern. Ein Paar Ersatzflossen(-bänder) und eine zweite Maske (in Reichweite!) gehören auf jeden Fall ins Gepäck, ebenso Medikamente gegen Hals-Nasen-Ohren-Darmgeschichten und natürlich Sonnenöl. Ansonsten gelten die normalen Regeln für das Tauchen vom Schiff aus.

Biologisches: Neben den Bestimmungsbüchern fürs Wassergetier (Riedl, Göthel) empfiehlt es sich, Fernglas und Vogelbuch mitzunehmen, damit vorbeifliegende Baßtölpel und Seeschwalben nicht als "Möwen" abgehakt werden. Wer in Hyères ein paar Stunden Zeit hat, kann in den Salinen im Étang de Pesquiers vom Flamingo bis zum Sichelstrandläufer das ganze Federvieh aus nächster Nähe beobachten. In den Gräben dort wimmelt es von Gambusia affinis, einem winzigen lebendgebärenden Zahnkarpfen, der zur Mückenvertilgung eingebürgert wurde (Mücken gibt's trotzdem!).

Karten, Reiseführer: Mit der Michelin-Straßenkarte Nr. 245 (Provence-Côte d'Azur) findet mensch sich auch auf Nebenstrecken durch die Provinz. Wer Tauchziele und Fahrtrouten eintragen will, kauft sich im Hafen die Seekarten 5329 P und 6873 P (je 100 Francs), die den Küstenstreifen zwischen Hyères und Cannes abdecken. Ansonsten gibt es dort unten eine Reihe von aufwendigen Wrackkatalogen mit Bildern, genauen Beschreibungen und Kreuz-Peilungen der spektakulären Tauchziele. Zur Tauchgangsplanung sind die Dinger dringend zu empfehlen, finden sich daher auf jedem Schiff und bei Landgang in den Buchhandlungen (in Französisch). Als Vorbereitung auf das Gebiet sehr zu empfehlen:

EBERSOLDT, M. & F. 1992: Die Inseln von Hyères: ein Führer für alle Freunde der Natur und des Meeres; ein Handbuch für Schnorchler, Taucher und Aquarianer. Eine Fundgrube für Liebhaber der Provence und ihrer Küste. 2. Auflage, 120 Seiten. Stuttgart (Naglschmidt) ISBN 3-927913-24-3. [Das Buch hält, was der Titel verspricht! man sollte es allerdings vor der Tour lesen, auf dem Schiff ist dafür kaum Zeit]

Adressen:

MS Frederick C/O Henri Näher B. P. 76, 88402 Hyères / Cedex Tel: 0172-7378455 Fax: 0033-94057-784

Rolf Schneider - Yachtcharter Eninger Weg 16 D-72793 PFULLINGEN Tel. + Fax: 07121-78495