Dabei hatten wir das Walhai-Paket gebucht
Ursprünglich wollten wir ja auf ein Boot, zögerten aber mit dem Ägyptentrip, verschiedene Argumente vorschützend, schließlich tobte gerade ein Krieg ein paar hundert Kilometer neben Ägypten, während wir Kataloge wälzten. Als wir schließlich entscheidungsfähig waren, waren alle bezahlbaren oder anderweitig diskutablen Boote ausgebucht. Mehrere Reisebüros hatten uns versichert, daß die Irakkrise zwar bei den Hotels, nicht aber bei den Booten zu einem veränderten Buchungsverhalten geführt hatte. Egal wer gerade gegen wen Krieg führt, die Bootstaucher buchen halt im Januar für den Oktober. Daß also auf Safaribooten entweder nur Todesmutige oder politisch Unsensible mitfahren, denen wir nicht mal unter Wasser begegnen wollen, tröstete uns darüber hinweg, daß es dieses Jahr nun wieder nicht auf Rocky Island gehen würde.
Wir - die TCTT-Mitglieder I., D und ich, sowie das geschätzte Nichtmitglied S. (zwischenzeitliche Aus- und Eintritte bleiben hier unberücksichtigt, wiedergegeben ist der Stand zum Zeitpunkt der Reise) - buchten dann also eine Woche Hotel in Hamata, Ägypten. Wer keinen hochauflösenden Atlas zur Hand hat, sei hier aufgeklärt, daß Hamata zwei Busstunden südlich von Marsa Alam liegt, das bekanntlich mittlerweile einen Flughafen hat, der aber, wiewohl nagelneu, schon so voll ist, wie der in Sharm oder Hurghada, da er noch kleiner gebaut wurde. Immerhin hat diesen Airport ein privater Investor gebaut, um die beiden anderen zu entlasten. Wenn die nächsten paar Hotelanlagen im Raum Marsa Alam fertig sein werden, wird er genauso chaotisch werden, wie die genannten Anlagen. Zumindest was die Ankunftshalle betrifft. Die sehr gepflegten Außenanlagen würden auch für den Flughafen Franz-Joseph-Strauß bei München reichen. Im Übrigen besteht Hamata aus einer Moschee, einem Kiosk, einer Entsalzungsanlage, einer Fernfahrerkneipe (die Straße geht bis zum Sudan durch), einer Militärstation, etwa zwölf weiteren Häusern und einigen malerischen Autowracks. Mehr gibt es dort nicht, was aber nichts macht, da man sowieso nicht allein unterwegs sein darf, Militärgebiet. Deshalb ist Hamata auch in keiner Karte eingezeichnet, nicht wegen des Sperrgebietes, sondern weil es unbedeutend ist.
Erfahrene Safaribootstaucher, wie man sie in jeder besseren Abflughalle trifft, als Beispiel seien nur die geschätzten Taucher aus Rottenburg unter der Führung von Tauchguru Manfred S. genannt, kennen Hamata vielleicht als Start- oder Zielpunkt eines Bootstrips, denn Hamata hat auch eine Marina, also einen aufgeschütteten Damm mit einer Mole aus Korallenstein, an dem die Safariboote anlegen können, was sie sonst in der Gegend nicht können, da es ein fast geschlossenes Saumriff gibt, das man schließlich nicht in der Nähe eines Ortes kaputt machen möchte, wo es jeder mitkriegt. Er reicht, wenn man woanders seinen Anker reinknallt.
Bei der Hotelauswahl nahmen wir das Zabargad Beach Resort, vier Sterne nach ägyptischer Bewertung, drei nach deutscher, das vorletzte Hotel vor dem Sudan, das letzte, das Lahami hätte einen Stern mehr gehabt, wird vorwiegend von Eidgenossen gebucht und hätte wohl kaum mehr Unterhaltung geboten, wäre aber zwei Kilometer südlicher gewesen. Gebucht haben wir bei Orca-Reisen. Orca betreibt auch die dem Hotel angegliederte Tauchbasis. Wegen der doch etwas isolierten Lage des Hotels (kein Handyempfang und kein Festnetztelefon, die Basis hat ein Satellitentelefon für Notfälle), wegen des Strandes, der dank Saumriff nicht zum Baden für Nichttaucher taugt, wegen des innerhalb und außerhalb des Hotels vollständig fehlenden Abendvergnügens (der gute Taucher geht nach dem Essen ins Bett und schläft sich aus), sieht man von der Taucherbar ab, in der man nach dem Essen noch ein Bier trinken konnte (Sakara, 2,50 €, dazu empfehlen wir eine Wasserpfeife, 0,70 € pro Füllung, Apfelaroma) (der bessere Taucher nimmt noch ein Bier und geht dann ins Bett), bietet das Hotel für Nichttaucher faktisch rein gar nichts und wird deshalb ausschließlich von Tauchern besucht. Ergo lebt die Basis vom Hotel und das Hotel von der Basis. Das Hotel gehört ägyptischen Investoren, die Basis Orca, also arbeiten auf der Basis nur Deutsche, von unterschiedlicher Coolness, von nett bis „gut daß wir den nicht auf dem Boot haben“, im Hotel nur Ägypter, alle nett. Die Schnittmenge bildete Shereen, Basis-Crew, aber fließend arabisch sprechend, somit zuständig für Beschwerden.
Die Ägypter unterschieden sich vor Ort von den deutschen Basis-Mitarbeitern durch ihre ausgeprägte Monofunktionalität (Wir zollen an dieser Stelle dem Urheberrecht Tribut und benennen das verdiente Mitglied D. als geistigen Vater dieses Begriffes), will heißen, einer holt die schmutzigen Handtücher, ein anderer bringt frische, einer brät nur Eier, ein anderer beaufsichtigt nur das Aufschneiden der Nescafé-Tütchen mittels einer defekten Haushaltsschere (was übrigens das Einzige war, wofür man dem Hotel sämtliche Sterne entziehen sollte: Kein richtiger Kaffee!). Natürlich gab es Ausnahmen. Etwa Ali, der nicht nur für die Getränkebestellungen im Restaurant zuständig war, sondern auch für die Unterhaltung der Gäste, was aber letztlich ein und derselbe Vorgang war. Größere Insekten heißen auf Arabisch „dendem“. Auf der anderen Seite gab es Wolfgang Clausen, den Leiter der Basis, dessen Funktion ausschließlich im Chefsein bestand, was er mit dem ägyptischen Chef des Hotels gemein hatte, wobei Wolfgang C. beim Herumsitzen und Wichtigsein rauchte und trank, sein einheimischer Gegenpart hingegen nur ab und zu an einem Kaffee nippte. Die geneigte Leserschaft vermutet richtig, daß das Hotel bei allen Unzulänglichkeiten, etwa bei der Gestaltung der Außenanlage oder bei der Art der Schädlingsbekämpfung (da lief morgens und abends ein Giftägypter mit einer Art Nebelwerfer durch die Anlage, das sei gegen die Fliegen, die es zum Frühstück auch gab, die aber niemanden störten), jedenfalls eine Möglichkeit bot, die grundsätzlichen Lehren Henry Fords am Objekt zu studieren. Wenn wir schon bei den Möglichkeiten des Hotels sind: Die Zimmer waren alle ebenerdig mit kleiner Terrasse und Meerblick, ausgestattet mit den üblichen Notwendigkeiten, samt beeindruckender Klimaanlage mit Fernbedienung, die täglich frischen Handtücher in Form von Schwänen oder, unter Verwendung herumliegender Kleidungsstücke, auch mal als Puppen, die auf dem Bett sitzen (ob Handtuchfaltägypter und Deckenfaltägypter verschiedene Personen sind, war nicht zu ermitteln), genug Platz um Tauchzeug auszubreiten (der gute Taucher nimmt die Automaten mit und spült sie noch mal ab), kein Fernseher, dafür Haustelefon und Minibar (3 Cola, 1 Wasser, 1 Sprudel, 1 Bier). Aber wir waren schließlich nicht zum Wohnen gekommen, sondern um zu tauchen.
Am Ankunftsabend gab es eine Einführung, die Anwesenden wurden den Booten für den nächsten Tag zugeteilt, soweit sie nicht das Hausriff (sehr guter Tauchplatz) bevorzugten, allgemeines Briefing. Es zeigte sich bereits hier, daß die Basis gut organisiert und straff geführt wird, ohne die Grenze zur Unpersönlichkeit oder zur Bevormundung zu überschreiten. Was aber meine Privatmeinung ist, andere würden sagen, die Grenze zur Unpersönlichkeit sei überschritten, aber ich mag es halt nicht, wenn ich zwangsanimiert werde, außerdem bin ich unsozial und nicht sprachbegabt. Am nächsten Morgen fuhren wir dann mit unserer TauchguideIn Caro zur Marina und bestiegen unser Boot, Orca 2, mit dem wir die ganze Woche fahren sollten. Hervorhebenswert am Boot war natürlich weniger der Zustand der Bordtoilette oder das Fehlen eines Dingis, sondern eher die Crew, Skipper Said mit seinen beiden multifunktionalen Flaschenzureich- und Festmachjungs. Highlight war aber eindeutig Rami, der Koch, bekanntlich der wichtigste Mann auf einem Schiff. Rami beeindruckte nicht nur die mitreisenden Frauen durch sein Äußeres, sondern Taucher jeden Geschlechts durch seine Fähigkeit, in einer Küche von der Größe einer Tauchtasche auch bei Seegang ein tägliches neues Buffet zu zaubern, das allen ähnlichen Versuchen der Hotelküche Hohn lachte, wiewohl das Essen im Hotel auch nicht schlecht war. Wir kamen an Bord überein, daß Rami auch dann ein mehrgängiges Menü auftischen könnte, wenn man ihn zwanzig Minuten in den Kofferraum eines ägyptischen Kleinwagens setzen würde. Einen Beweis seiner Kunst gab uns Rami, als er auf einer Insel, auf der wir zu Mittag anlandeten, an diesem Tag hatten wir ein Dingi dabei, sofern man das so nennen möchte, jedenfalls schwamm es, wenn auch widerwillig, jedenfalls anlandeten und Rami für einige Zeit hinter einem Busch im Windschatten verschwand und mit unzähligen Tellern und Platten wieder auftauchte, die mit Fleisch, Fisch usw. beladen waren. Alle Versuche, auch von D., die Fülle zu bewältigen, scheiterten kläglich, selbst der einzige Österreicher an Bord, dem ich gerne schriftlich gebe, daß er alle existierenden Vorurteile über unsere Nachbarn jeden Tag auf’s Neue zementiert hat, um nicht Begriffe zu verwenden, die strafrechtlich relevant wären, konnte nicht alles aufessen. Einige an Bord kamen zu der Überzeugung, daß Rami irgendwo einen Dschinni in einer Flasche versteckt hat, der ihm das Kochen abnimmt.
Aber wir waren ja nicht zum Vollfressen ins Land gekommen, sondern zum Tauchen. Ein weiteres Mal in unserem Taucherleben durften wir staunen über den Kontrast zwischen staubiger Wüste an Land und einer Überfülle an Leben unter Wasser. Zwar sagen manche, es sei selbst in Sharm anno 96 bunter gewesen, was ich aber bezweifle. Die Tauchplätze, die man mit einem Daily-Boat von Hamata aus erreicht, bleiben sonst den Safaribooten vorbehalten, sind also - noch - nicht ganz so übertaucht, wie weiter im Norden. Die Plätze, die wir teilweise in über drei Stunden angefahren haben, sind, sieht man von Rocky Island und Zabargad ab, mit die südlichsten, die überhaupt in den Führern erwähnt sind. Will man noch weiter runter, muß man mindestens zwei Wochen Boot buchen oder in den Sudan gehen. Begegnet ist uns unter Wasser das Bestimmungsbuch rauf und runter. Wenn man sich mal nach den ersten Tauchgängen an den offensichtlichen Arten sattgesehen hat, entdeckte man stets noch ein selteneres Exemplar und noch eines.
Was allerdings Großfische betrifft, werde ich noch eine Klage gegen den Reiseveranstalter anstrengen müssen. Schließlich hatten wir zusätzlich zu den fünf Tagen Bootstauchen noch das Walhai-Packet für zwölf Euro Aufpreis gebucht. GuideIn Caro und die Tauchbasisleitung hatten alle möglichen Ausflüchte parat, was mich aber nicht interessiert. Wenn sie es nicht schaffen, einen Walhai pünktlich unters Schiff zu zerren, dann sollen sie so was auch nicht anbieten und schon gar nicht zu dem Preis. Möglicherweise wurden die Walhaie halt vertrieben, vielleicht vom Korallensteher, der aufrecht im Sand stehend den Tauchgang genoß, was ja auch eine Möglichkeit des Tarierens ist, obwohl es kein Italiener war, oder von den Blitzlichtern der vielen Photographen an Bord. Aber in Sachen Kleinfische und sonstige Lebewesen konnten wir uns wirklich nicht beschweren, wobei ein Schiffshalter schon recht unverschämt war, oder sehe ich etwa aus wie ein Manta? Als Bodenseetaucher überfordert einen ja schon mal diese gnadenlose Reizüberflutung und ich war ganz froh, daß gegen Nachmittag manchmal wenigstens die Sichtweite zu wünschen übrig ließ. Auch den erfrischenden Effekt eines Bodenseetauchgangs bietet Wasser mit 28°C einfach nicht. Aber ich will nicht klagen. Was man für den Bodensee übernehmen könnte, wäre des Zureichen und Abnehmen der Flaschen, allerdings würde ich es bevorzugen, wenn ich meine Automaten selbst entlüften könnte. Notfalls könnte man es im Überlinger Parkhaus machen, wie am Hausriff des Hotels, wo ein stoischer Esel namens Prinz Ali die Flaschen von der Basis zum Steg schleppte.
Unsere zwölf Tauchgänge waren die Reise allemal wert. Zwei der Tauchgänge machten wir am Hausriff, das für ein Hausriff, an dem von morgens bis abends Taucher aller Ausbildungsstufen reinhüpfen, sehr nett war. Das Nachttauchgang-mit-Spanischen-Tänzerinnen-Paket, das wir vor Ort nachgebucht hatten, wurde übrigens problemlos eingelöst, hier hat die Tauchbasis nicht versagt.
Nach einer Woche fiel es uns jedenfalls schwer, wieder die Heimreise anzutreten. Einzig die Vorfreude auf das Wiedersehen mit der Truppe von Manfred S. im Flughafen und der damit verbundenen Möglichkeit, sich gegenseitig mit der Größe der gesichteten Haie, der Zutraulichkeit der Mantas und der Üppigkeit der Büffets zu übertrumpfen, rettete uns vor depressiven Verstimmungen. Abgesehen vom Nescafé, dem Giftägypter und dem Sprechdurchfall anderer Taucher werden wir manches vermissen und nur die kristallenen Wasser des Bodensees werden uns bis zum nächsten Urlaub trösten.
M. Haager (Träger des Goldenen Bleistifts 2001)