Druckkammerfahrt im Chirurgiezentrum Bad Cannstatt, 9. November 2019
Taucher, die Wasser mit weniger als 34 Grad Celsius Temperatur als nicht betauchbar betrachten und die deshalb aber auch nicht gleich ans nächste wärmere Meer fliegen wollen, man muss ja die Flugscham vor den Kollegen oder gar den eigenen Kindern rechtfertigen, selbst wenn man ja eigentlich nichts dafür kann, dass das Meer so weit weg von Tübingen ist, solche Taucher gehen einfach im Trockenen tauchen. Da sind die Temperaturen viel besser. Zum Beispiel kann man oder frau in die Druckkammer im Druckkammerzentrum des Chirurgie-Centrums in Stuttgart Bad-Cannstatt zum Tauchen gehen. Vor allem dann, wenn geschätzte und verdiente Mitglieder des glorreichsten Tauchclubs südlich der Nordsee (Danke David!) einen passenden Ausflug organisieren. Okay, auch da braucht es eine Anreise, aber die ist kürzer als nach meinetwegen Curacao.

Wer es schon mal ausprobiert hat, der weiß, dass die wesentliche Charakteristik einer Kammerfahrt die Abwesenheit von Wasser ist. Auch vor den Bullaugen keine Fische. Dennoch macht man einen Tauchgang, den man ins Logbuch eintragen kann. Das ist manchem ja wichtig. Es soll Taucher geben, die eine längere Standzeit unter der Freibaddusche schon als Tauchgang vermerken. Da kann man dann nach ein paar wenigen Jahren schon mit 32.000 Tauchgängen die Jugend beeindrucken. Irgendwie muss man das ja auch würdigen, wenn man es unter der Freibaddusche so lange aushält. Die hat deutlich unter 34 Grad.
Warum macht man nun so was? Wegen dem Spaß? Auch, aber prodesse et delectare, man will ja auch was lernen. Man lernt vor allem sich selbst kennen und seine individuelle Reaktion auf zu viel Stickstoff in der Birne. Eine ordentliche Kammerfahrt ist daher auch in der Regel begleitet durch eine Fachperson, die einem vorher oder nachher was dazu erklärt. In unserem Fall war das der Dr. F. vom o.g. Kammerzentrum. Er verkürzte uns die Wartezeit, weil die Kammer offenbar überbucht war, eine Gruppe des Tauchclubs Esslingen wollte auch rein. Die durften dann vor uns, dafür bekamen sie hinterher den Vortrag. Ob es den Vortrag gebraucht hätte, sei dahingestellt. Der Taucharzt, der auch Notfallmediziner und Anästhesist ist, hatte nicht ganz die neuesten Daten zur Grundlage seiner Ausführungen gemacht, aber es war unterhaltsam.
Als wir dann endlich dran waren, kam die eigentliche Einweisung. Tauchtauglich? Druckausgleich muss funktionieren, keine Handys, keine sonstigen elektrischen Sachen und den lieben Aladin nur im Wassereimer. Der Computer mag keine Trockentauchgänge, erst drückt es die Luft rein und nachher explodiert er. Nicht zu warm anziehen, auch die Weicheier nicht. Noch mal auf’s Klo, zwischendurch raus gehen ist nur schwer möglich. Und innen pinkeln, na ja, wir hätten weggeschaut, aber im einzig verfügbaren Eimer lagen ja schon die Computer.
Dann ab in die Röhre – siehe Bild – hat was von Flugzeug, ist auch ähnlich schwer, man fragt sich, wie das Ding in den dritten Stock kam, bequeme Sitze, keine Gurte. Aber man könnte von oben Sauerstoffmasken bekommen, notfalls. So eine Kammerfahrt für Taucher ist für den Betreiber nicht das Hauptgeschäft, sondern die Behandlung von Patienten mit hyperbarem Sauerstoff, hilft bei Tinnitus und anderem. Akute Tauchunfälle werden anderswo behandelt. Wir atmen normale Luft.

Wir nehmen also in der Kammer Platz und schauen weisungsgemäß nicht auf die Aufgabenblätter, die auf den Sitzen liegen. Alles okay? Türe zu, die freundliche Pilotin lässt sich Zeichen geben, und ab geht’s. Es zischt. Ziemlich rasch auf 50 Meter (bzw. 6 bar). Wir sind mit Druckausgleich beschäftigt, in der Luft muss wegen der stärkerem Volumenänderung deutlich öfter die Nase gequetscht werden als im (kalten) Wasser. Man hört es am wegfallenden Zischen und am nachlassenden Schmerz auf den Ohren, wir sind unten. Es ist sehr warm geworden, manchen läuft schon der Schweiß. Wer jetzt zuerst was sagt, hat verloren, hilft aber nichts, denn die Mickeymouse-Stimme haben jetzt alle. Es wird also schnell sehr lustig in der Röhre. Das kommt von den Stimmen, den zerdrückten Schaumküssen und den geschrumpftem Marshmallows. Vor allem aber auch vom Stickstoff. Der macht uns die Hirne matschig. Alle sind im Tiefenrausch. Damit wir es auch glauben, machen wir jetzt die bereitgelegten Übungsaufgaben. Mathe oder besser Rechnen im Zahlenraum bis 30 oder so. Wie war das noch mal, Punkt vor Strich. Ich war mir sicher, alles richtig zu haben, aber denkste. Ein Drittel falsch, sechs, setzen.
Nach den Aufgaben ist Zeit, auf den Computer zu schauen, der ist zwar im Eimer, funktioniert aber offenbar gut, tatsächlich, 50 Meter. Für einige in der Röhre war das wohl das erste Mal, dass sie so eine Anzeige auf ihrem Suunto gesehen haben. Ist ja auch gut so. Trotz trocken und warm und bequem, also ganz anders als unter dem Übergang am Parkhaus in Überlingen, merkt man, wie eingeschränkt man ist. Und zieht (oder soll dies zumindest) die Lehre, dass Tiefenrausch ein durchaus ernst zu nehmendes Risiko ist. Taucharzt Dr. F. hatte schon erwähnt, dass das Unfallrisiko mit zunehmender Erfahrung erst abnimmt, dann aber, bei sehr erfahrenen Tauchern, wieder zunimmt. Ging ja schon 950 Mal gut, also. Gibt es bei Schreinern übrigens auch. Da fassen nur die Lehrlinge in die Kreissäge. Und die älteren Meister.

Wir lernen also, 40 Meter sind genug! hat schon seinen Grund. Und wem das nicht passt, wer den Klinkerstein partout von unten sehen wollte, der weiß zumindest warum er jetzt in der Kammer oder der Kiste liegt.
Nach 5 Minuten Grundzeit geht es wieder rasant aufwärts, plötzlich wird es kalt und nebelig. Deepstop bei 25 Meter, das macht man jetzt so. Nach einer Minute weiter auf 9, warten, dann 6, mehr warten, dann 3 Meter. Der Blick auf den Aladin zeigt, alles gut, die Kammer wird deutlich konservativer gefahren, als man das nach Computer tauchen würde. Dennoch ein satter Dekotauchgang. Auf 3 Metern, es ist wieder angenehm temperiert, der Nebel hat sich gelichtet, im Kopf und in der Kammer, noch mal ein Übungsblatt. Geht doch, alles ganz leichte Aufgaben, null Fehler. Die Verblödung war nur vorübergehend. Die letzte Dekostufe zieht sich, wir haben Zeit zum Plaudern, und wie war es für dich? Die Erfahrungen sind ähnlich, dennoch individuell verschieden. Was zeigt, dass jede Taucher*in anders reagiert, mancher wird träge, oder leichtsinnig oder schwindlig. Aber es erwischt alle irgendwie.

Nach knapp 60 Minuten die letzten 3 Meter, alle wieder oben, Türen auf. Allen geht es gut. Keine Taucherflöhe. Der Vortrag, der jetzt käme, den hatten wir schon, daher brechen wir rasch auf. Nicht ohne unsere Logbücher wieder mitzunehmen, die hat die freundliche Dame draußen schon ausgefüllt und gestempelt. Tatsächlich 50 Meter, 60 Minuten. Und das ganz ohne Frieren. Mit Lerneffekt. Sehr zu empfehlen.
Michael Haager