Jura - Ein Bericht von M. Haager
Auf vielfachen Wunsch des Präsidiums wiederholen wir heute aus der Reihe "Mein schönster Aprilsamstag" die Folge:
"Jura"
oder
"Nachmittags war die Sicht aber besser"

Es ist ja nicht jedermanns Sache, bei jedem Wetter zum Tauchen in den Bodensee zu springen. Für alle, denen das verregnete und verschneesturmte Ostern depressive Anfälle beschert hatte, veranstaltete der glorreichste Tauchclub zwischen Stuttgart und Bodensee am 28. April eine Vereinsausfahrt an die Jura.
Zur Erinnerung: Die Jura ist das Wrack eines Schaufelraddampfers. Der ist am 12. Februar 1864 vom Dampfschiff Stadt Zürich in dichtem Nebel gerammt worden und daraufhin zügig gesunken. Im Gegensatz zu manch anderem Wracktauchgang muß man hier keine ethischen Grundsatzüberlegungen anstellen. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder der Jura sind von der Stadt Zürich aufgefischt worden, Verluste waren nicht zu beklagen. Der Tiefe von 38 Metern, auf der das Wrack ein paar hundert Meter vor dem Hafen von Bottighofen liegt, ist es zu verdanken, daß die im See allgegenwärtigen Wandermuscheln noch viel von dem alten Holz übrig gelassen haben. Der gute, wenn auch durch häufiges Betauchen stets schlechter werdende Zustand des Wracks lockt derart viele Taucher an, daß es einige Bootsführer am See gibt, die es sich zu einem einträglichen Geschäft gemacht haben, die Jura anzufahren.
Die gute Organisation von Frank Kurbjeweit hat es nicht nur in bemerkenswerter Weise verstanden, die Ausfahrt genau auf den Tag zu legen, an dem das Wetter sich endlich in Richtung Frühling zu bewegen begonnen hat, auch die Buchung von Helmut Steiner, der in langjähriger Erfahrung das Wrack mit schlafwandlerischer Sicherheit auch ohne Echolot gefunden hat, war tadellos.
Der erste Wermutstropfen des Tages, der frühe Abfahrtstermin sowie das Verstauen von sechs Tauchern und dreizehn Flaschen in zwei Autos war schnell verschmerzt, als deutlich wurde, daß es zumindest keinen Dauerregen am See geben würde. Das etwas mühsame Beladen des Tauchschiffes hat die sechs teilnehmenden Herren schließlich vollends wach werden lassen, wach genug jedenfalls um die launigen Scherze Herrn Steiners genießen zu können.
Nach einem zweiten Frühstück an Bord konnte der aufmerksame Beobachter darüber staunen, mit welch unterschiedlichen Ansprüchen an den Komfort beim Tauchen die Teilnehmer sich in ihre Anzüge zwängten. Vom Ältere-Herren-Luxus-Trocki bis zum Im-Bodensee-im-Frühjahr-fast-schon-suizidal-Naßanzug war alles vertreten.
Nachdem die üblichen Präliminarien wie Anker setzen, Gruppeneinteilung, Briefing, letzte Zigaretten erledigt waren, begann für die drei Zweimann-Gruppen ein sehr netter Tauchgang. Der immer aufs neue erregende Abstieg am Ankerseil in das zunehmend düsterer werdende grünliche Nichts wurde, zumindest beim Verfasser, abgelöst durch die Freude, daß der Anker perfekt neben dem Wrack zu liegen gekommen ist. Nur die einsetzende Stickstoffberauschung konnte dann aber darüber hinwegtrösten, daß die Sicht eklatant beschissen war. Trotzdem konnten wir den Tauchgang genießen und staunen. Und uns mal wieder fragen, in welchem Clubheim wohl die oberen Lagerschalen der Antriebswelle an der Wand hängen. Und wer auf die Idee kommt, in 36 Meter Tiefe den ganz großen Schraubenschlüssel auszupacken. Und ... 20 Minuten Grundzeit sind genug. Zeit zum Aufstieg. Dabei erlag der Verfasser einen kurzen Augenblick lang der Ansicht, es gäbe im See Zitteraale. Trotz der schlechten Sicht zeigte sich aber, daß die Aale nur die Halb- und Ganznaßtaucher auf der 6 Meter Stufe waren.
Das Umziehen nach dem Tauchgang wurde untermalt von einer Unterhaltung zwischen Herrn Steiner und einem anderen Tauchbootsführer, der offensichtlich meinte, das Wrack am sichersten dadurch zu finden, den Anker in die aufsteigenden Luftblasen zu werfen. Abgesehen von der Gefährdung hat dieses Verhalten auch dazu geführt, daß Herr Steiner seinen Anker slippen mußte. Er hat ihn zwischenzeitlich aber wieder bergen können.
Auch mit den Zitteraalen hatte Helmut Steiner Erfahrung. Er ließ es sich nicht nehmen, mittels seines Gasofens den Betroffenen wieder etwas Wärme zuzuführen, während er Wallhausen für das Mittagessen und den Nachmittagstauchgang ansteuerte. Das übliche Taucherlatein ebenso wie anspruchsvolle Gespräche ergänzten die preiswerten und schmackhaften Fleischküchle in der Wallhausener Orangerie.
Der zweite Tauchgang sollte an den Zickzack genannten Platz führen, einen besonders schönen Anschnitt der Steilwand zwischen Teufelstisch und Marienschlucht. Die Steilwand wächst hier bei etwa 40 Metern Tiefe aus der Halde empor. An den übergängen finden sich Spalten und kleine Höhlen, in denen fast immer große bis riesige Trüschen zu finden sind. Auch die Wand selbst zeigt die Vielfalt im Süßwasser. Man kann hier bei sorgfältiger Beobachtung etliche Lebewesen sehen, die weiter in Richtung Wallhausen an der Wand fast oder ganz verschwunden sind (Genauere Informationen und die lateinischen Namen sind bei den mitreisenden Biologen zu erfragen). Leider kann aber auch Herr Steiner hier nur ankern, wenn er den zahlreichen ausgekratzten Rinnen im Sandstein eine weitere hinzufügt. Die weitaus bessere Sicht an der Wand im Vergleich zum Vormittag ließ aber jedenfalls auch die Feucht- und Naßtaucher die Kälte wieder ein bißchen vergessen.
Als die sechs stolzen Taucher, nach dem Tauchgang von Frank mit allem Notwendigen versorgt, am Spätnachmittag das Tauchboot in Sipplingen wieder entluden, war es endgültig sonnig geworden. Der hausgemachte toskanische Apfelkuchen mit Vanilleeis (Pizzeria gleich am Hafen) konnte also im Freien genossen werden.
Die anschließende Heimreise verlief ohne wirklich berichtenswerte Ereignisse. Spätschäden sind ebenfalls bislang noch nicht bekannt geworden, womit man abschließend nur feststellen kann, daß alle, die nicht dabei waren, einen wohlorganisierten und lohnenden Tauchtag versäumt haben.
P.S.: Wer sich für betauchbare Wracks im Bodensee interessiert, dem sei das Museum unter Wasser empfohlen.
M. Haager